Kolumne

Wenn Vorsorge zum Genuss wird

Manchmal schreibt mir meine Krankenkasse.
Wenn Vorsorge zum Genuss wird

Manchmal schreibt mir meine Krankenkasse. Es gibt zwei Arten von Briefen. Die einen sind sehr lang. In denen erklärt mir der Chef der Kasse, wie sehr er und seine Mitarbeiter dafür gekämpft hätten, die Beiträge nicht zu erhöhen, und wie sehr es ihnen nun leidtue, dass die Knallchargen in der Regierung genau dies verhindert hätten. Aber man werde nicht aufgeben – sobald es möglich sei, werde er meine Beiträge wieder senken. Versprochen!

Die anderen Briefe sind kürzer: „Anbei erhalten Sie unser neues Mitgliedermagazin. Viel Spaß beim Lesen! Mit freundlichen Grüßen, Ihre Krankenkasse.“

Unter uns: Ich freue mich immer auf dieses Magazin. Sehr sogar. Ich liebe es, darin zu blättern. In einem der letzten Hefte war ein Artikel, in dem eine Autorin empfahl, sich unbedingt mal den Darm spiegeln zu lassen. Ich weiß: Über solche Dinge macht man keine Witze. Der Darm ist eine ernste Sache. Man sollte gewissenhaft – wie ein Erwachsener – damit umgehen, was mir allerdings nicht ganz leichtfällt, wenn in diesem Zusammenhang der Satz fällt: „Auch für Sie wird diese regelmäßige Vorsorge zum Genuss werden.“

Vor ein paar Tagen kam endlich das neue Heft. Ich wusste sofort, dass mir die frisch gedruckten Seiten den Tag verschönern sollten. Schon auf dem Titel standen viele großartige Sätze, wie zum Beispiel: „Sagen Sie HALLO zu Ihren schmerzfreien Gelenken!“ Oder: „Die älteste Ballerina der Welt (94 Jahre alt!) erstaunt die Fachwelt.“ Im Magazin selbst schrieb ein Urologe aus Wiesbaden über Prostatakrebs. Eine Untersuchung habe ergeben, dass sich Männer lieber um ihr Auto kümmerten, als regelmäßig zum Prostata-TÜV zu gehen. Er nannte das verantwortungslos und klang sehr erbost. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass er sicher Recht habe, dass er das aber auch verstehen müsse. Auch für mich gibt es wichtigere Sachen als meine Prostata: Mit meinem Hund spazieren gehen. Das Mittagessen kochen. Oder, oder, oder… Der Urologe beendete seinen Text mit den Worten: „Krebsfrei zu sein befreit ungemein!“ Auch damit hatte er ganz sicher recht.

Einige Seiten weiter entdeckte ich das Bild einer nur mit einem Nachthemd bekleideten Blondine. Sie lag im Bett, lächelte und hatte diesen Lebe-wild-und-gefährlich-Blick. Der Artikel hieß: Fakten zur Gesundheitsreform. Er war in viele kleine Abschnitte unterteilt und erklärte die Neuerungen, die auf die Kranken und Gesunden unseres Landes so zukommen werden. In der Mitte – zum Auflockern – die Blondine. Gute Idee, dachte ich. Es ging schließlich um Pflegestufen, Sterbegeld, Sterilisation und künstliche Befruchtung – was so ziemlich das Letzte war, das mir beim Anblick des Nachthemdes eingefallen war. Und irgendwann kam der Moment, da legte ich das Mitgliedermagazin zur Seite, nahm noch einen Schluck warmen Kaffee und wurde von dem schönen Gefühl beschlichen, dass meine Krankenkasse wirklich jeden Cent meiner Beiträge wohlüberlegt und vernünftig investiert.

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