Von Bucht zu Bucht

Was wird Söder dazu sagen?

Daniel Günther tauft einen funkelnagelneuen ICE auf den Namen „Schleswig-Holstein“. Der gutgelaunte Ministerpräsident freut sich schon auf den Tag, an dem der schneeweiße Täufling erstmals in München für den „echten Norden“ wirbt.
Was wird Söder dazu sagen?

Eine Flasche Sekt haben sie besorgt und den fabrikneuen ICE 4 in den Kieler Hauptbahnhof rangiert. Auf dem Bahnsteig warten der Ministerpräsident, der Herr über alle Personenzüge im DB-Konzern und zwei Geistliche. Sicherheitsleute der DB überzeugen sich davon, dass alle Teilnehmer vorschriftsmäßig vermummt sind.

Die evangelische Pastorin Schmidt spricht ins Mikrophon, dass die Konfession des Täuflings gar nicht bekannt sei. Das will sie später mit dem katholischen Propst Benner auswürfeln, wie sie sagt. Aber können alleinreisende Jungs und Mädchen sich wünschen, dass ihr ICE katholisch ist? Sollten sie dann nicht besser den ungetauften Regionalexpress nehmen, selbst wenn der doppelt so lange unterwegs ist? 

Es gibt eine Flasche Schampus für die Taufzeremonie am Gleis 4. Züge sind empfindlicher als Schiffe, sie nehmen es übel, wenn Sektflaschen an ihnen zerschellen. Ministerpräsident Günther benetzt den Zug mit ein paar Tropfen aus seinem Glas. Der fliegende Schampus wird vom Wind verweht, aber Berthold Huber ist einfach nur erleichtert: kein Blechschaden. Der Herrscher über alle DB-Personenzüge will Schleswig-Holstein Lust auf den Gebrauch von ICE und Intercity machen. 

ICE sind für Tempo 230, 250 oder gar 300 konzipiert. In Schleswig-Holstein ist 160 km/h das höchste der Gefühle. Und wer sich im Intercity auf die Reise von Hamburg nach Sylt begibt, ist mehr als drei Stunden unterwegs, Durchschnittsgeschwindigkeit: knapp 80 km/h. Das Blumenpflücken entlang der Strecke ist ausdrücklich erlaubt.

Wer wie ich in Kiel lebt, kann laut Fahrplan täglich mit sieben bis acht ICE oder Eurocitys nach Süd- und Westdeutschland starten, mit so exotischen Zielen wie Prag und Zürich. Tatsächlich funktioniert das eher selten:

  • Die 100 Kilometer lange Hauptstrecke Hamburg-Kiel ist extrem störungsanfällig, vor allem südlich von Elmshorn.
  • Im permanent überlasteten Knotenpunkt Hamburg gehen viele geplante Anschlüsse frühzeitig flöten.
  • Allgegenwärtige Baustellen zerschießen gute Fahrpläne oft über viele Wochen oder Monate.

Schleswig-Holstein braucht keinen ICE mit seinem Namen. Es braucht eine leistungsfähige Infrastruktur: mehr zweigleisige Strecken, mehr Weichen, mehr Personal und bessere Konzepte, um auf Störungen unmittelbar zu reagieren. 

Bis dahin ist alles Tauf-Gequatsche nur heiße Luft. 

Daniel Günther, übernehmen Sie!

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