Von Bucht zu Bucht

Verkehrswendemanöver

In allen großen Städten wird die notwendige Mobilitätswende mit einer Vergrämung der Autofahrer einhergehen müssen.
Verkehrswendemanöver

Noch ist Kiel verkehrt mobil. Aber die Landeshauptstadt hat jetzt den großen Besteckkasten geöffnet, um den überbordenden Pkw-Verkehr zukünftig in die Schranken zu weisen. Und die Menschen als Fußgänger, Fahrradfahrer und Fahrgäste endlich in den Mittelpunkt zu stellen. 

In allen großen Städten wird die notwendige Mobilitätswende mit einer Vergrämung der Autofahrer einhergehen müssen. Sie verursachen Lärm, Abgase und Unfälle, vor allem beanspruchen sie einen absurd großen Anteil des öffentlichen Raumes. So weit – so bekannt. Das rot-grün regierte Kiel hat aber jetzt konkret formuliert, wie denn die Umverteilung des Platzes zugunsten von Fußgängern, Radlern und Fahrgästen von Bahnen und Bussen beginnen soll: Um 40 Prozent soll der Autoverkehr verringert werden. Und 5000 unregulierte und unbepreiste Parkplätze will die Landeshauptstadt in den kommenden Jahren beseitigen oder kostenpflichtige Stellplätze umwandeln.

Visualisierung der geplanten Tram. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Höchste Eisenbahn, möchte man rufen, denn erstmals sind in Kiel mehr als 100.000 private Pkw angemeldet. Und eine Flut von Pendlerautos brandet Tag für Tag aus dem Umland in die Stadt. Und alle, wirklich alle, sind „unbedingt auf ihr Fahrzeug angewiesen“. Die schöne Mär, die der Chor der Empörten gebetsmühlenartig anstimmt, stimmt oft nicht, sie ist einfach behauptet und ehrlicherweise nur mit den Argumenten „Bequemlichkeit“ und „Pendlerpauschale“ zu begründen.

Individuelle Bequemlichkeit auf vier Rädern kann aber zumindest in urbanen Räumen nicht mehr die erste Geige spielen, wenn die Mobilitätswende vom Wolkenkuckucksheim zur Realität wird. Für manchen bedeutet das einen schmerzhaften Entzug – aber keineswegs für die Mehrheit: Von den knapp 250.000 Kielern und Kielerinnen besitzen über 60 Prozent gar kein Auto. Sie alle profitieren automatisch davon, wenn tausende Parkplatz-Schnorrer, die bislang keinen Cent für die Abstellung ihres Autos oder Wohnmobils am Straßenrand und gern auch auf dem Bürgersteig zahlten, endlich Mieter ihres Parkraums werden. 

3D Render der geplanten Tram im Stadtverkehr. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Wenn der Stadtraum gerechter aufgeteilt wird, entsteht unglaublich viel neuer Platz für Bänke, für Bäume, für Straßencafés, für breite Velorouten, für Lastenfahrräder, für spielende Kinder, für DAS KLIMA! Im Zuge der Mobilitätswende soll der Autoverkehr in Kiel um 40 Prozent verringert werden. Damit das gelingt, muss das Umsteigen sich lohnen. 

Zum Beispiel auf das Fahrrad: Die 2019 eröffnete Veloroute 10 beweist auf das Eindrucksvollste, wie ein breiter Fahrradschnellweg, der zwischen den Stadtteilen Hassee und Ravensberg zum Teil kreuzungsfrei über den stockenden Straßenverkehr schwebt, in kurzer Zeit jede Menge Radler anlockt. 

Dazu passt, dass der Wahlkreis Kiel mit dem selbsternannten „Fahrradabgeordneten“ Mathias Stein (SPD) im neuen Bundestag vertreten ist. Eine dezente Wechselstimmung lässt sich da erspüren, und die möchten die Verkehrsplaner im Kieler Rathaus in den kommenden Jahren noch weiter anschieben.         

Das demütigende Gefühl, Letzter zu sein

Zum Beispiel beim ÖPNV: Fahrgäste der Kieler Stadtbusse sollten es nicht eilig haben oder unter Ungeduld leiden. Mit elegischer Langsamkeit kämpfen sich die KVG-Busse von Haltestelle zu Haltestelle und nehmen dabei jede rote Ampel mit. Man besteigt dieses Verkehrsmittel nicht freiwillig, denn viele Fahrten im Stadtgebiet sind in Wirklichkeit Reisen, die gern auch mal eine Stunde oder länger dauern. Als Busfahrgast ist man in Kiel immer mit dem demütigenden Gefühl unterwegs, Letzter zu sein. Es verwundert nicht, dass in Kiel ganze 10 Prozent aller Wege mit dem ÖPNV zurückgelegt werden. Für eine Großstadt absurd wenig.

Aber nun taucht Besserung am Horizont auf. „Hochwertigen ÖPNV“ will das rot-grün regierte Kiel auf die Straße bringen, oder sogar auf die Schiene: Die Mobilitätswende soll in Gestalt einer Tram oder eines Bus Rapid Transit (BRT) an die Förde kommen. Straßenbahnen oder 25 Meter lange Gelenkbusse sollen mit privilegierten Ampelschaltungen und auf eigenen Fahrbahnen durch die Stadt eilen. Das ist jedenfalls das Szenario, das externe Verkehrsplaner gerade entwerfen. 

Im winterlich verwaisten Kreuzfahrtterminal ließen sich Mitte November 500 Neugierige diese kühnen Pläne erläutern. Fünf oder sechs Planungskorridoren, die vom Stadtteil Wik im Norden bis nach Elmschenhagen im Südosten reichen, sollen die Stadt eines Tages erschließen. Plötzlich konnte man sich vorstellen, wie eine menschenfreundliche Tram durch Gaarden oder die Holtenauer Straße rollt – auf Trassen, die nun nicht mehr vom rollenden oder ruhenden Pkw-Verkehr okkupiert werden. Besonders charmant: das sogenannte Rasengleis der Tram, in dem zwischen den beiden Schienen Gras wächst. 

So lange an diesen tollen Entwürfen noch kein Preisschild klebt, bleiben sie allerdings ein Wolkenkuckucksheim. Die Kieler Ratsversammlung wird sich ab 2022 damit beschäftigen und politisch entscheiden, was Realität werden kann – und was nicht.  

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