Kolumne

Uwes Witze

Ich schreibe das heute natürlich, weil der Hamburger SV nach sehr vielen Jahren mal wieder die Möglichkeit hat, in die erste Bundesliga aufzusteigen.
Uwes Witze

Aber eigentlich soll das bloß ein Vorwand sein, damit ich etwas völlig anderes erzählen kann. Denn immer, wenn ich an den HSV denke, denke ich an Uwe Seeler.

Alles fing damit an, dass „Uns Uwe“ mir auf dem Herrenklo einen versauten Witz erzählte. Worum es ging, bekomme ich glücklicherweise nicht mehr zusammen. Aber es waren andere Zeiten, ein ganz anderer Humor. Die Witzlandschaft war irgendwie derber damals. Es war Anfang der 90er. Und Uwe Seeler erzählte viele Witze damals. Jede Woche einen. Mindestens. Denn er war unser Pate, so eine Art Trainingsmaskottchen. „Moin, Jungs! Ich bin Uwe.“

Berti Vogts, damals A-Jugend-Nationaltrainer, hatte mich bei einem dieser Auswahlturniere gesichtet. Und der DFB lud mich ein, jeden Montagnachmittag auf dem Gelände des HSV in Ochsenzoll mit den besten Spielern meines Jahrgangs zu kicken. Und mit Uwe Seeler. Aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen kamen 30 Talente zusammen, um den Sprung in die Nationalmannschaft zu schaffen. Einige von ihnen wurden später Profis. Ich lauschte am liebsten Seelers Witzen, die gar nicht lustig waren, sondern sich fast immer unter der Gürtellinie abspielten. Die meisten verstand ich nicht. Ich war 17, Uwe Seeler Mitte 50 und genauso alt wie mein Vater. Und jedes Mal fühlte es sich ein bisschen so an, als würde Opa vom Krieg erzählen. Aber hey, schließlich war es der Uwe Seeler, der da einen Witz nach dem anderen raushaute. 

Niemand von uns traute sich, nicht zu lachen. Manchmal musste das Training sogar mit Verspätung beginnen, weil ihm noch einer eingefallen war. Dabei war er immer pünktlich gewesen. Er hatte es ja nicht weit. Er wohnte in Sichtweite – bis heute übrigens. Also kam er Montag für Montag schnell mal rüber. Den Trainingsanzug und die Fußballschuhe hatte er immer schon an. 

Letztes Jahr dann feierte Uwe Seeler seinen 85. Geburtstag. Die Gratulanten standen Schlange. Seine Freunde, alle Reporter und noch mehr Irgendwie-Weggefährten erinnerten sich in Zeitungen plötzlich an Begegnungen: Als ich mal mit Uwe einen Kaffee trank. Ach, war das schön! Als ich mal Uwe Seeler interviewte. Was für ein Mensch! Denke ich an Uwe Seeler, denke ich an seine Witze, die nicht witzig waren. Aber dass er sich für uns seine Fußballschuhe schnürte, fand ich wirklich groß.

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