Kolumne

Tonnen für die Tonne

Schon auf dem Acker nimmt das Drama seinen Lauf.
Tonnen für die Tonne

Schon auf dem Acker nimmt das Drama seinen Lauf. Auch überall im Norden. Jede Ernte wird zu einer Zerreißprobe: Zu groß, zu klein, zu krumm, zu hässlich, zu herzförmig – rund 40 Prozent sollen es jedes Jahr sein, die deutsche Kartoffelbauern aussortieren müssen. Der Grund: Die Erdäpfel unterliegen einem systematischen Schönheitswettbewerb.

Eine Kontrolle, die es nicht nur für Knollen gibt. Alle Landwirte klagen über extreme Verluste, da die Form und Farbe eine wichtigere Rolle als der Geschmack spielen. Absurde Normen, strenge Gesetze: Der Durchmesser einer Fleischtomate muss zwischen 67 und 102 Millimeter liegen. Eine Gurke darf auf zehn Zentimeter Länge maximal zehn Millimeter gekrümmt sein. Für die verschiedenen Reifestufen gibt es Farbtabellen. Wie groß darf ein Apfel sein? Wie viele Bananen dürfen an einem Strunk hängen? Wie lange ist ein Joghurt mindestens haltbar? Alles ist peinlichst genau geregelt. Und was auch nur im Kleinsten nicht den Richtlinien entspricht, wird gar nicht erst angeboten. Aus Essen wird Müll. 

Früher hat man hungrige Menschen satt machen müssen – heute muss man satte Menschen hungrig machen. Und viele wissen schon gar nicht mehr, wo die Lebensmittel überhaupt herkommen. Weil sie immer und überall zu bekommen sind, haben sie an Wert verloren. Sie sind zu einem Objekt geworden, zu einem Spielzeug, wie ein Handy, das man einfach tauscht. Was ich heute kaufe, kann ich morgen wegschmeißen. Allein das, was in Europa verschwendet wird, würde ausreichen, um alle Menschen weltweit zweimal zu versorgen.

Und dann auch das noch: Wir Konsumenten sind für fast 75 Prozent aller Essensabfälle verantwortlich. Fehlendes Wissen über Lebensmittel, über Aufbewahrung und ihre Verarbeitung. Die fehlende Fantasie in der Küche. Der fehlende Überblick, was noch alles im verstopften Kühlschrank liegt. Laut einer Studie des Umweltverbandes WWF wirft jeder Deutsche 85 Kilo im Jahr weg. Denn das aufgedruckte Haltbarkeitsdatums ist heute entscheidender als das Vertrauen in die eigenen fünf Sinne. Die älteren Generationen dagegen kennen noch viele Rezepte, die Essensreste beinhalten. So findet man im Dr. Oetkers Schulkochbuch von 1920 unter dem Kapitel „Die Verwendung von Speiseresten“ die einfache, aber sehr ernst gemeinte Anmerkung, dass Reste, die sich nie ganz vermeiden ließen, in den meisten Haushalten wieder aufgewärmt würden. 

Und zum Ende dieser kleinen Schimpfgeschichte nun aber doch noch etwas Schönes, und zwar aus Italien: Dort gibt es eine Angewohnheit, die unter älteren Menschen weit verbreitet ist. Immer dann, wenn beim Essen ein Stück Brot herunterfällt, wird es sogleich wieder aufgehoben und geküsst, bevor es wieder auf den Tisch gelegt wird. Ein wunderbarer Brauch. Nur ein Stück Brot, aber ein Moment der Klarheit.

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