Kolumne

Supernormal

Supernormal

Ich hatte Besuch aus Süddeutschland. Die Sonne schien. Es war ungewöhnlich warm und Zeit für einen Ausflug ins Grüne. Der Himmel kannte kein Maß. Der Wind fegte die Wolken zu mächtigen Haufen zusammen. Unten, am Boden, passierte nicht viel. Der Tag machte Pause. Den ganzen Tag schon. „So ist das hier im Norden“, sagte der Besuch aus dem Süden. „Alles sehr beschaulich. Es gibt Raum und Ruhe. Wer mehr will, muss nach Hamburg fahren.“ 

Stimmt, dachte ich, nirgendwo passt die Beschreibung Landstrich besser als bei uns. Land der Horizonte hieß ja auch früher mal der schöne Slogan, der auf den Schildern entlang der Autobahn die Reisenden begrüßte. Drei Wörter bloß, aber sehr treffend. Sie lösten sofort etwas aus. Man bekam sogleich ein Gefühl für das flache Land zwischen den Meeren. Man dachte an Sonnenuntergänge und an endlosen Urlaub. Man spürte Weitsicht und frische Luft. Man las es und atmete erst einmal tief durch. 

Vor ein paar Jahren wurden die Schilder ausgetauscht. Eine neue Werbekampagne sollte SH eine frische Perspektive verleihen. Unverkennbar sollte diese Marke sein – modern, identitätsstiftend und mit einer ordentlichen Prise norddeutschem Humor natürlich auch. Der neue Slogan sollte ein Versprechen sein, wie es in der Sprache der Werbemenschen gerne mal heißt. Heute steht an der Autobahn: Schleswig-Holstein. Der echte Norden. Man liest es und fragt sich, wo der falsche ist.

Ich bin ja viel unterwegs in Deutschland. Auch auf Autobahnen. Und es geht sogar noch weniger originell, wie zum Beispiel: Niedersachen. Immer eine gute Idee. Oder Nordrhein-Westfalen: Germany at its best. Oder knochentrocken wie in Sachsen-Anhalt: Ursprungsland der Reformation. Auch Baden-Württemberg setzt übrigens auf Geografie: Wir sind Süden.

Einen besonders schönen Spruch bietet dagegen die Kleinstadt Weißwasser in der Oberlausitz, kurz vor Polen: Wer Weißwasser kennt, der weiß, was er kennt. Mehr geht nicht! Als Vergleich noch einmal Basel: This is Basel. Weniger geht nicht!

Und nun also Elmshorn, ja, das Elmshorn bei Hamburg, das sich Zeit seines Bestehens gemeinsam mit Pinneberg um den Titel des unschönsten Ortes der Welt streitet. Der nordweitverbreitete Spruch Gott erschuf in seinem Zorn zuerst Pinneberg und dann Elmshorn kommt ja nicht von ungefähr. Und ich bin in Neumünster geboren, weiß also sehr genau, über was ich hier schreibe.

Elmshorn also geht seit Jahren einen überaus bemerkenswerten Weg: Während andere sterbenslangweilige Städtchen ständig und zwanghaft nervös versuchen, mit irgendwelchen Sprüchen oder buntgepeppten Briefbögen mehr aus sich zu machen, als man eigentlich ist, um neue BürgerInnen oder gar TouristInnen anzulocken, hat die eher industriell geprägte 50.000-EinwohnerInnen-Stadt ihren Slogan seit Jahren nicht geändert – auch weil er so herausragend gut ist: Elmshorn – supernormal

Und ja, er wirkt, denn wer so viel gelassene Zufriedenheit ausstrahlt, den möchte man zur Abwechslung dann wirklich ganz gerne mal kennenlernen. Oder: Ein guter Slogan ist wie eine pointierte Sauce – er gewinnt durch seine geschickte Reduktion. Wobei, dann zum Abschluss doch noch einmal Berlin: Be Berlin. Bi Bitte, was?

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