Kolumne

Stich für Stich

Endlich mal eine gute Nachricht: Ich habe meinen Impfausweis wiedergefunden...
Stich für Stich

Endlich mal eine gute Nachricht: Ich habe meinen Impfausweis wiedergefunden – vor sechs Monaten allerdings schon. Eher beiläufig war er zwischen alten Reisepässen, Sparbüchern und nie genutzten Bonusheften vom Zahnarzt wieder aufgetaucht. Viele, nein, sehr viele Jahre hatte er vergessen in einer dieser magischen Schubladen gelegen, die man gelegentlich aufzieht und so gar nicht weiß, was einen erwartet, wenn man hineinguckt. Doch plötzlich war es wieder da, das in einem extrem unansehnlichen Gelb gehaltene – oder vergilbte? – Heftchen mit den diversen Aufklebern, verblassten Stempeln und unleserlichen Unterschriften von ÄrztInnen, die in der Schule allesamt eine Sechs in Schrift gehabt haben mussten. 

Und ja, tatsächlich erinnerte mich der Impfausweis irgendwie auch sofort wieder an die Reclam-Klassiker aus antiken Schulzeiten – Stichwort: Emilia Galotti und Faust – Der Tragödie Erster und Zweiter Teil. Ich dachte darüber nach, wie das signalfarbene Impfbuch mit dem schönen Titel Internationale Bescheinigungen über Impfungen nun ein doch eher überraschendes Comeback des Analogen im Digitalen feiert – ist es doch vor allem ein Relikt aus einer unbeschwerten Zeit, in der man alle möglichen verschrumpelten Ausweise mit sich trug, die man unaufgefordert vorzuzeigen hatte. Stichwort: Lappen.

Beim Durchblättern begann eine Reise durch mein Leben. Stich für Stich sah ich mich in der Tropenabteilung des Bernhard-Nocht-Instituts in St. Pauli sitzen, wo ich mich stets gewissenhaft auf das Abenteuer in fernen Ländern vorbereitet hatte. Südostasien, 1994: Hepatitis A + B, Cholera, Meningokokken-Meningitis und Typhus (Dengue-Fieber und sogenannte „creeping eruptions“, das sind Würmer, deren Larven sich unter der Haut einnisten und dann vier bis fünf Wochen in Gängen weiterkriechen, hatte ich aber trotzdem bekommen).  Costa Rica, 1995: Hepatitis A + B, Gelbfieber, Typhus. Indien, 2000: Cholera, Hepatitis A + B, Typhus, Japanische Enzephalitis. Angola, 2006: Gelbfieber, Cholera, Polio, Diphtherie, Meningokokken. Plus die bonbongroßen und wöchentlich zu nehmenden Malaria-Tabletten. Heute frage ich mich, wie ich diesen wilden Impfstoffcocktail überhaupt überleben konnte. Zwinker-Smiley. HashtagWarumregtsicheigentlichniemandaufwennmansichfürdenurlaubinfernenländernimpfenlassenmussfragezeichen. Und extrem erleichtert bin ich ja auch, den gelben Lappen, der in diesen Zeiten mindestens so viel wert ist wie Gold, wiedergefunden zu haben, da ich ihn ja brauche, um nächste Woche zum Friseur gehen zu können.

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