Kolumne

Sorry for schusing Deutsche Bahn

Noch gar nicht lange her, da erreichte mich eine E-Mail der Deutschen Bahn mit der schönen Betreffzeile: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Lück! Sie haben den Gold-Status erreicht!“
Sorry for schusing Deutsche Bahn

Gold? Gold! Klingt gut, dachte ich, da würde ich gerne mehr darüber erfahren. Nur kurze Zeit später dann eine weitere Nachricht: „Sehr geehrter Herr Lück, Sie können sich freuen! Ihr BahnBonus Statuslevel Gold verlängert sich um ein weiteres Jahr. Schön, dass Sie wieder dabei sind, wir freuen uns mit Ihnen.“ Das klingt jetzt aber mal so richtig gut, dachte ich, schließlich passiert es in unserer heutigen Zeitenwende ja nicht mehr ganz so häufig, dass sich da jemand eigentlich Wildfremdes mit einem freut. 

Und nun alle bitte mal festhalten oder besser hinsetzen, denn es wurde noch besser: „Genießen Sie ab sofort wieder alle Statusvorteile Ihres Levels in vollem Umfang, unter anderem: 12 Freigetränke in der Bordgastronomie, unbegrenzten Eintritt in die DB Lounge inklusive Begleitperson und 30 Freiminuten und Erlass der Grundgebühr bei Call a Bike und noch vieles mehr.“ Und ja, ich gebe es zu: Das „Noch vieles mehr“ interessierte mich sofort sehr.

Letzte Woche machte ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Am Empfangstresen zur DB-Lounge zeigte ich meine Bahncard und freute mich bereits auf das „Noch vieles mehr“. Die Freude währte keine Sekunde. Der Knackpunkt: Ich habe kein Smartphone. Und ohne Smartphone-App keinen Zutritt, so die sehr nette Frau. Aber, ich bin doch Gold-Kunde, stammelte ich, sie müssten doch nur die Bahncard einlesen. Sie: Alles digital, tut mir leid.

Erinnern Sie sich an die Szene aus dem Film „Top Secret“, als der Bahnsteig und nicht der Zug wegfährt, als der Mann sozusagen den Bahnhof verpasst? So fühlte es sich in diesem Moment an. Am Welcome-Desk fragte ich noch, was denn nun mit den zwölf Freigetränken, der Begleitperson und mit dem „Noch vieles mehr“ sei. Ohne Smartphone keine Statusvorteile, hieß es. Oder anders: Sänk ju for nichts, Deutsche Bahn!

Ein anderes Mal, es war noch zu ganz heißen Corona-Zeiten, als keiner so wirklich wusste, was richtig oder falsch war, aber alle es natürlich richtig machen wollten, setzte ich mich in das Bord-Restaurant, bestellte einen Weißwein und zeigte meinen gelben Impfpass. Ohne digitalen Impfnachweis, keine Aufenthaltserlaubnis im Restaurant, ließ mich die gar nicht so nette Frau wissen. Und im nächsten Satz: „Selber schuld, wenn Sie noch immer hinterm Mond leben und kein Smartphone haben.“ Ich: Meine Kinder sind nun 10, 9 und 6. Ich möchte aber nicht, dass sie in diesem Alter schon ein Smartphone haben müssen. Ihre Antwort: Bitte gehen Sie jetzt.

Gold, Top Secret, Deutsche Bahn. Und nun die Frage: Kann es sein, dass es von Anfang an gar nicht um eine Impfpflicht, sondern um eine Smartphonepflicht – also quasi um die Weltherrschaft – ging? 

Oliver Lück, 49, ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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