Kolumne

Schulfrei

Ich bin einer Familie begegnet, deren Kinder nicht in die Schule gehen.
Schulfrei

Ich bin einer Familie begegnet, deren Kinder nicht in die Schule gehen. Vier Mädchen und zwei Jungs. Die Katze hatte Flöhe mit nach Hause gebracht. Irgendwann kratzten sich auch die Kinder. Alle durften drei Wochen nicht in den Unterricht. Und dann sagten sie: „Wir wollen immer Zuhause lernen.“ So fing das an.

Wer aber in Deutschland ohne Schule leben will, begibt sich an den Rand der Gesellschaft. Er macht sich strafbar. Dafür hat man sich sogar ein schönes Wort ausgedacht: Schulgebäudeaufenthaltspflicht. Ich habe nachgezählt: Es sind 30 Buchstaben. „Wir wollten aber weder Stress mit den Behörden, noch unsere Kinder zurück in die Schule geben“, erinnert sich die Mutter. Hinzu kam die Sorge, dass jeden Augenblick das Jugendamt vor der Tür stehen konnte, um ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Sie lebten wie unter einem Vergrößerungsglas. Beäugt von Verwandten, Nachbarn und Wildfremden. Dass Kinder nicht zur Schule gehen, war den meisten nur schwer zu erklären. Viele fühlten sich persönlich angegriffen. Viele schauten extrem zweifelnd, wenn sie vom „freien“ Lernen und von „freier“ Bildung hörten. Die Leute hörten immer nur „kein“ Lernen und „keine“ Bildung. Die Familie flüchtete nach Portugal.

Zu Beginn lief es nach dem Motto: Mathe bei Mama. Sie hatten Lehrbücher. Das Wissen wurde abgefragt. Am Anfang brachte das noch Spaß, dann wurde es zur Pflicht. „Wir haben genauso Druck ausgeübt“, so der Vater, „also vertrauten wir in den Lernwillen unserer Kinder.“ Ein Versuch, der erst einmal zu scheitern drohte. Die Kinder nahmen die Schulbücher gar nicht mehr in die Hand. Sie beschäftigten sich nur noch mit dem, was sie wirklich interessierte. Manchmal so leidenschaftlich, dass sie von morgens bis abends nichts anderes taten. Eines der Mädchen spielte schon nach zwei Monaten so gut Klavier, wie andere in ihrem Alter nach zwei Jahren nicht. Eine andere begann mit Kartentricks. Sie übte ihre Fingerfertigkeit, bis sie Blasen an den Händen hatte. Und durch das Zaubern begeisterte sie sich plötzlich für Mathematik, was ihr eigentlich gar nicht lag.

„Kinder werden unterschätzt“, glaubt die Mutter. „Sie wollen die Welt entdecken und verstehen. Und dabei lernen sie – ganz nebenbei. Selbstmotiviert und selbständig. Mein ältester Sohn konnte in einer Woche das Alphabet, weil er Spaß daran gefunden hatte. Für Kinder ist Lernen ein Spiel. Und mit der Zeit bildet sich bei jedem Kind heraus, was es sein will – nicht, was es sein soll.“

Und weiter: „Kinder, die in der Schule eine Zwei bekommen, fühlen sich als Zwei. Ein Kind, das eine Fünf hat, fühlt sich als Fünf, als mangelhaft. Und dieses Gefühl bleibt. Kinder müssen ja auch gar nicht alles können. Man muss ihre Stärken fördern. Die klassische Schule kreiert ein fades, lauwarmes Mittelmaß. Alle werden möglichst gleich, wie in der Baumschule. Wildwuchs ist mir lieber.“ Und das ist – für alle, die nun aufschreien – nur eine Meinung und keine Wahrheit für alle.

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