Kolumne

Schnee von vorgestern

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft – da gibt es wohl keinen Zweifel. Und schon der Bergprediger forderte ja, gegen das, was einen belästigt, radikal vorzugehen...
Schnee von vorgestern


Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft – da gibt es wohl keinen Zweifel. Und schon der Bergprediger forderte ja, gegen das, was einen belästigt, radikal vorzugehen: „Und wenn dich dein rechtes Auge ärgert, so reiß es heraus und wirf es fort.“ Seit dieser Anregung hat das Gefühl stark zugenommen, mehr und mehr in einer Welt von Einäugigen, wenn nicht gar Blinden, zu leben. Silvester zum Beispiel ist da ein gutes Beispiel – auch wenn es schon Tage zurückliegt und heute längst vergessen ist: Denn gerade den letzten aller Tage des Jahres nehmen ja nicht wenige zum Anlass, alte Gewohnheiten oder gar Ängste und Sorgen über Bord zu werfen. Leider nicht nur das: Es wird auch weggeschmissen, was das Zeug hält. Es wird aus allen Rohren gefeuerwerkt. Es pfeift und zischt. Bomben und Granaten! Alle in Deckung!!! In Zahlen: In nur wenigen Stunden wird die Luft mit so viel Feinstaub belastet, wie es der gesamte deutsche Autoverkehr in zwei Monaten schafft. Prost Neujahr! Herzlich willkommen in der Feinstaubhölle!


Aber keine Sorge, all das wird dieses Jahr ja nicht oder zumindest sehr viel kleiner passieren, da Böllern verboten ist. Und keine Sorge, diese Kolumne soll auch keine Bergpredigt sein. Ein neues Jahr beginnt. Alles auf null. Alles wieder von vorne. Und nach ein paar Tagen bereits werden auch diese Worte wieder vergessen sein, weil die Zeit, die ja bekanntlich alle Wunden heilt, dann auch schon wieder vergessen sein wird. Alles wird Schnee von gestern – besser noch: von vorgestern – sein. Es wird kein Hahn mehr danach krähen. Und sowieso sollte man – vor allem an Silvester – doch mal alle Augen zudrücken dürfen und mal Fünfe gerade sein lassen dürfen. So blind lässt es sich auch viel entspannter und furchtloser in die Zukunft blicken. In die nahe Zukunft zuerst: Was wird das Wochenende bringen? Was der nächste Montag? Was macht die Welt? Was macht Omikron? Und wie wird das Wetter bei uns in Norden? Lauter bange Zukunftsfragen sind das. Nur eines scheint sicher: Das nächste Silvester kommt bestimmt – zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins...

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