Kolumne

„Schmeißt ihn vor die Bahn!“

Kürzlich in der S21 nach Hamburg-Stellingen – eine Minute eines gewöhnlichen Bundesliganachmittags: Die Türen öffnen sich.
„Schmeißt ihn vor die Bahn!“

Die blau-weiße Masse glotzt und bewegt im Einheitstakt den Mund: „Draußen bleiben, draußen bleiben, hey, hey!“ Der junge Mann mit den langen Haaren zögert, zwängt sich dann aber doch in den übervollen Wagon. Gerüche von Bier und Männerschweiß füllen seine Nase. Ein gelangweiltes „Zurückbleiben bitte“ dröhnt aus unsichtbaren Lautsprechern. „Bin ich schon“, will eine Stimme lustig sein. Alles lacht. Die Türen schließen sich im Rücken des Mannes. Die Bahn fährt an. „Zickzack Zeckenpack“ intoniert der Männerchor. Einzelne zeigen immer wieder auf den Zugestiegenen, der seine Unsicherheit mit einem Lächeln zu überspielen versucht. Sein nervöser Blick aber findet keinen Fluchtpunkt. So ein großes Abteil, so viele Leute und alle sehen gleich aus. Warum bin ich bloß eingestiegen? „Zickzack Zeckenpack!“ 

Als er sich nicht mehr anders zu helfen weiß, singt er mit. So laut er kann: „Zickzack Zeckenpack“, hört er sich schreien und registriert mit Genugtuung die kurzzeitig irritierten Gesichter. „Man ist der blöd, der merkt gar nicht, dass wir ihn meinen“, johlt die Stimme neben ihm. Ein vielkehliges „Schmeißt ihn vor die Bahn!“ wird angestimmt. Mit Schals behangene Junge und ins Polyestertrikot gewurstete Alte skandieren gemeinsam: „Schmeißt ihn vor die Bahn! Schmeißt ihn vor die Bahn! Heja, heja, schmeißt ihn vor die Bahn!“ Die beiden Security-Menschen, die für Ordnung und Sicherheit sorgen sollen, stehen daneben und gucken teilnahmslos. 

Der Mann mit den langen Haaren singt nun nicht mehr mit. Er schaut zu Boden, der unter seinen Füßen schwankt. Sein Unbehagen ist zur Angst gewachsen. „Schmeißt ihn vor die Bahn! Schmeißt ihn vor die Bahn!!“ Fratzen grinsen ihn an, Finger zeigen auf ihn. Ein junger Blonder mit HSV-Trikot kommt ganz dicht und schreit ihm ins Gesicht: „Du bist Scheiße!“ Wie tief Menschen sinken können. Wie weit eine Station sein kann. Wie endlos lang 30 Sekunden sein können. 

Die Ansage kommt einer Erlösung gleich: „Nächster Halt: Stellingen, Arenen.“ Wie auf Knopfdruck enden die Schmähgesänge. Sie werden von Schlachtrufen abgelöst. „Hier regiert der HSV!“ Die Türen öffnen sich. Der Mann steigt aus, hastet über den Bahnsteig in Richtung Ausgang. Die blau-weiße Masse grölt und quillt hinter ihm aus dem Wagon. Das Spiel kann beginnen. Noch ist ja gar nichts passiert.


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