Kolumne

Pfand am Strand

Krebsrote Gesichter. Freizeitbunte Taschen. Irgendwo dazwischen ein Pärchen, eigentlich noch gar nicht so alt.
Pfand am Strand

Vor ein paar Wochen am Elbstrand, der Sommer war noch einmal überraschend zurück. Überall Menschen im Sand. Auf Handtüchern gestrandet. Krebsrote Gesichter. Freizeitbunte Taschen. Irgendwo dazwischen ein Pärchen, eigentlich noch gar nicht so alt. Er: „Oh, die Plastiktüte weht davon! Naja, die ist schon zu weit weg, die hol` ich jetzt eh nicht mehr ein.“ Sie: „Macht nichts, Schatz! Und was ist mit den Flaschen? Nimmst du die mit?“ Er: „Ach nee, lass mal liegen! Ich hab` gerad` keine Hand mehr frei. Die sammelt bestimmt jemand anderes ein.“ Sie: „Hast recht, Schatz, da ist ja auch Pfand drauf.“

Der englische Wissenschaftsjournalist Simon Winchester schreibt in seiner Biografie: „Es gab keine Menschen, als der Ozean sich bildete. Es wird keine geben, wenn er zu existieren aufhört.“ Und mit Weitsicht oder Besonnenheit hat es jedenfalls nichts zu tun, dass wir unseren Müll derart ausblenden und glauben, dass schwarze, braune und gelbe Tonnen oder ein grüner Punkt die Lösungen aller Probleme sind. Fröhlich pfeifend stopfen wir weiterhin Verpackungen in gelbe Säcke. Jeder von uns mehr als 220 Kilo im Jahr. Wir sind wahre Verpackungskünstler.

Noch einmal am Elbstrand: Das Pärchen war gerade gegangen, da schnippte einer seine Kippe in den Fluss. Aus den Augen, aus dem Sinn. Eine Zeitung hat sich im Wasser nach etwa sechs Wochen aufgelöst. Eine Zigarettenkippe braucht ein bis fünf Jahre. Eine Bierdose 200 Jahre. Eine Plastikflasche 450 Jahre. Schätzt man. Das Plastik selber aber wird gar nicht abgebaut. Es ist nie ganz weg. Es wird nur kleiner. Und ist dann überall. 

Winzige Kunststoffstückchen, die die Wissenschaftler lange übersehen haben. Dafür werden sie nun allerorten entdeckt. In Flüssen, im Meer, in Fischen. Im Trinkwasser. 6.000 Teilchen pro Liter. Ist das viel? Ist das wenig? Man weiß es nicht. Mikroplastik ist ein völlig neues Thema. Viele Fische schlucken es. Und damit auch der Mensch. Wir wissen aber nicht, wohin es sich im Körper bewegt und was es dort macht – nicht beim Fisch und nicht beim Menschen. Sicher ist nur: Wäre die Elbe ein Mensch, sie müsste den ganzen Tag schreien. 

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