Kolumne

Ohne Worte

Wer flüstert, wird gehört.
Ohne Worte

Wer flüstert, wird gehört. Ein Satz, den ich letzte Woche erst erzählt bekam, der allerdings so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheint, da ja meist das Gegenteil der Fall ist: In einer Welt der Skandale und Selbstmordanschläge scheint es jedenfalls immer lauter zu werden. Es wird geredet und geredet. Fast jeder möchte sich mitteilen, als ob es kein Morgen gäbe. Und wer am lautesten schreit und am meisten twittert, bekommt die meiste Aufmerksamkeit oder wird sogar Präsident.

Umso interessanter ist der Satz: Wer flüstert, wird gehört. Denn stellte man sich vor, man horchte nur auf die eher Schweigsamen, vielleicht wäre die Welt tatsächlich ein besserer Ort. Wobei, selbst dem Wollwollenden fällt es nicht immer leicht, stillen Menschen zu lauschen, weil sie ja still sind. Die Weltmeister des Schweigens sind übrigens die Finnen. Wenn man nichts zu sagen hat, sagt man halt nichts. Small Talk in Finnland kann vier Worte kurz sein: „Und? Wie? – So halt.“ Und dann hat man sich alles Gute gewünscht, seine Freundschaft bestätigt und nach der Familie gefragt. Der häufigste Satz bei finnischen Telefonaten lautet: „Bist du noch da?“

Finnen flirten mit dem Grund der Seele, heißt es. Sie lieben schwere Gefühle. Und finnische Männer haben das Stillsein zu einer Perfektion gebracht, die unerreichbar zu sein scheint. Finnische Männer küssen nicht und sie sprechen nicht, sagt man. Stimmt: Sie können so gut schweigen, dass es wie reden ist. 

Schweigen, schweigen, schweigen. Trinken und noch mehr schweigen. Ich mag die Finnen.

Ich bin schon oft in Finnland gewesen und habe dort sehr ausführlich mit finnischen Männern nicht geredet. Und wenn doch einmal gesprochen wurde, waren die Sätze nicht sehr lang. Mit wenigen Worten wurde viel gesagt. Ich kann mich noch gut an die fast 40 Goldsucher weit im Norden Lapplands erinnern. Es war Ende August. Vier Grad, Schneeregen. Die Männer saßen in der einzigen Kneipe von Inari, einem Dorf etwa 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Alle tranken. Alle rauchten. Radiomusik spielte. Und keiner sprach ein Wort. Damals wurde mir klar, dass der Very Very Small Talk in Finnland erfunden worden sein musste.

Im letzten Februar vor Corona – jetzt auch schon wieder fast zwei Jahre her – bin ich zum ersten Mal im Winter nach Inari gefahren. Es war dort sehr kalt und die Zeit, als die Tage die Farbe verloren. Es war die Zeit ohne Schatten, als alles noch stiller als sonst wurde und man auf seltsame Ideen kommen konnte. Wussten Sie, dass in Finnland Weltmeisterschaften in merkwürdigen Disziplinen erfunden wurden? Es werden Mobiltelefone weitgeworfen. Es wird auf der Luftgitarre um die Wette gespielt. Und es gibt einen Männerchor, der ausnahmsweise mal nicht still ist, sondern schreit. Denn wer schreit, muss auch still sein können, möchte man nun hinaus in die Welt rufen. Und nur wer schweigen kann, der kann mit sich im Reinen sein – sagen übrigens auch die Finnen, so denn sie nicht schweigen.

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