Von Bucht zu Bucht

Oh je, du Fröhliche

Eine einsame Exkursion durch die stillgelegte „Weihnachtsstadt des Nordens“.
Oh je, du Fröhliche
Wisst Ihr noch vor einem Jahr? (Dieser Artikel erschien am 15. Dezember 2020 im BUCHT-BOTEN)


Ohne seine neun abgesagten Weihnachtsmärkte empfängt Lübeck in diesem Advent eigentlich niemanden: Eine einsame Exkursion durch die stillgelegte „Weihnachtsstadt des Nordens“
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Dunkelheit fällt über das Weltkulturerbe mit seinen Türmen. Die Spitzen von St. Marien kratzen über hundert Meter hoch an den tiefhängenden Wolken. Am Fuß des Südturms flackert die Kerze des Mahnmals: zwei geborstene Kirchenglocken, die am Palmsonntag 1942 nach alliierten Fliegerangriffen in die Tiefe stürzten. Zerschmetterte Bodenplatten, die von der Gewalt des Aufpralls zeugen. Immerhin, die Kirche hat noch geöffnet in diesem absurden Dezember. Aber es ist keiner da, weder zum Beten, noch zum Bestaunen der himmelstürmenden Gotik. Draußen an der Backsteinwand der Kirche hängt ein trauriger Schaukasten „Musik in St. Marien“. Er ist leer, es gibt nichts anzukündigen. Kein Weihnachtsoratorium von Bach. Kein Singen für die ganze Familie.

Singen ist ansteckend, Singen kann töten im Advent 2020 – welch schauderhafte Mitgift der besten Schwingungen, die zu erzeugen Menschen imstande sind. Die Weihnachtsstadt des Nordens muss also schweigen. Kein Jauchzet oder Frohlocket, keine Jingle Bells, keine Kirchenchöre. Vor dem Rathaus auf der Breiten Straße zupft ein alter Mann mit Mundschutz auf seiner Mandoline unverdrossen gegen die Tristesse an. Es ist ein einsamer Kampf. Die wenigen Passanten huschen wortlos an ihm vorbei, es nieselt auf die Münzen in seinem Hut.

Musik verbindet. Doch ausgerechnet diesen Winter bleibt es still. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Die „Weihnachtsstadt des Nordens“, wie sich Lübeck im Sprech der Marketingleute selbst rühmt, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Touristen kommen seit Anfang November nicht mehr in die grandiose Altstadt. Seit ein paar Tagen verspüren auch die Lübeckerinnen und Lübecker, dass sie in ihrer eigenen City nicht mehr willkommen sind. „Bleiben Sie zuhause!“, fordert der Ministerpräsident. Der Appell ist ungefähr so nützlich wie: Bitte atmen Sie bis Weihnachten nicht aus! Tatsächlich kommt in diesem trostlosen Advent keiner mehr in die Weihnachtsstadt des Nordens. An der Untertrave, wo in anderen Zeiten der Durchgangsverkehr auf die City trifft, weisen interaktive Wegweiser auf 2500 freie Stellplätze in den Parkhäusern hin. 500.000 weihnachtliche Lichter sollen dennoch auf das Weltkulturerbe leuchten lassen. Schöner Schein.

Städte wie Lübeck haben die Eventisierung der Adventszeit auf die Spitze getrieben und daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell gemacht. Die üppige Backsteingotik schafft eine unübertreffliche Kulisse für vorweihnachtlichen Budenzauber – auch wenn sich der leise rieselnde, als Stimmungs-Sahnehäubchen herbeigesehnte Schnee schon seit Jahrzehnten nicht mehr eingestellt hat.

Lübecker Dom im Dezember 2020. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Leise ist es 2020 immerhin, aber es rieselt nichts, es nieselt. Vielleicht haben die Leute die Weihnachtsmarkt-App heruntergeladen und amüsieren sich damit vor dem Bildschirm zuhause, oder auch mit Glühwein auf dem Balkon. Fast ist man erleichtert, dass Punkt vier die dröhnende Schulglocke des Katharineums ertönt. Auf einmal strömen hunderte Schüler aus dem Tor des 1531 gegründeten Gymnasiums. Plötzlich herrscht hier Leben, Lachen und Lärmen hinter Masken. Nach ein paar Minuten verflüchtigt sich der Menschenauflauf in alle Himmelsrichtungen. Bloß schnell nach Hause.

Sogar am Stammsitz von Niederegger, wo man die klassische Lübecker Süßigkeit zum Fest direkt beim Erzeuger kauft, werden die abgezählten Einkaufskörbe nicht knapp. Als würde die Menschen all die funkelnde Weihnachtsdekoration in dieser stillgelegten Weihnachtsstadt geradezu abstoßen. Tatsächlich stiften rot leuchtende Sterne, die auf das regennasse Pflaster vor St. Marien leuchten, nur wehmütige Erinnerungen an das mittelalterliche Treiben vom vergangenen Jahr mit seinem Gedränge, dem Geruch von Punsch und Muzen und „Alle Jahre wieder“. Von wegen. Ein Kaminfeuer als Bildschirmschoner sorgt für mehr Wärme.

Immerhin der Rathausmarkt hat geöffnet. Doch die Stände verkaufen kein Holzspielzeug oder Christstollen, sondern Fisch, Wurst, Gemüse und Blumen: Wochenmarkt statt Weihnachtsmarkt, aber immerhin mit einschlägiger Beleuchtung. Corona-konformes Abstandhalten fällt auch hier kinderleicht. Nur der Muzenverkäufer, der eine duftende Dampfwolke ausstößt, hat eine kleine Kundenschlange zu bedienen. Gegenüber, an einem kleinen Stand, kommt man aber sofort dran. Der dampfende Punsch – im Pappbecher serviert – wärmt die Hände, er schmeckt fruchtig nach Apfel und Fliederbeeren. Alkohol enthält er nicht. Darum ist ja auch keiner hier.

Weihnachtssterne erinnern an festlichere Zeiten. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Vor McDonald’s haben zwei Männer der Stadtreinigung eine Pause eingelegt. Ihre Kaffeebecher haben sie auf den rollenden Mülltonnen abgestellt, mit denen sie auch in der Dunkelheit noch die Breite Straße sauber halten. Vermutlich stammt ihr Dienstplan aus einer Zeit, als hier mit zehntausenden feiernden Weihnachtsmarktbesuchern und ihren Hinterlassenschaften zu rechnen war. Nun ist das nasse Pflaster leer und blitzblank. Lübeck scheint die sauberste Stadt der Welt zu sein, in diesem Advent 2020. Hallo, ist da jemand? Kein Echo. Lübeck, die Weihnachtsstadt des Nordens: Oh je, du Fröhliche.

Artikelbild: © imago images / Westend61

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