Von Bucht zu Bucht

Nordfriesland elektrisiert

Was machen Nordfriesen, wenn keine Touristen kommen (dürfen)?
Nordfriesland elektrisiert

Was machen Nordfriesen, wenn keine Touristen kommen (dürfen)? Erstaunliche Dinge, zum Beispiel konstruieren sie klimafreundliche Busse, die man vom Diesel entwöhnt hat. Eine Technologie-Geschichte von einem ehemaligen Munitionsdepot bei Niebüll.

Hinter Husum wird das Land immer flacher. Wiesen, Wolken, Windräder, weite Horizonte.  Reiches Bauernland, oft der Nordsee abgetrotzt, für Urlauber die letzte Etappe vor der Endstation Sehnsucht Sylt. Wer aber schon vor Niebüll von der B 5 rechts abbiegt, kann noch eine überraschende Facette Nordfrieslands kennenlernen: den GreenTec-Campus Enge-Sande und seine Techniktüftler. Auf dem 130 Hektar großen Areal, einem früheren Munitionsdepot der Bundeswehr mit 34 Bunkern, haben sich Unternehmen niedergelassen, die sich mit erneuerbaren Energien befassen und nicht zuletzt die klimafreundliche Mobilität der Zukunft ins Rollen bringen wollen.

Zum Beispiel mit elektrisch betriebenen Linienbussen. Im Rahmen von PilUDE (Pilotprojekt zur Umrüstung von Dieselbussen auf Elektroantrieb) rüsteten mehrere Partner in Enge-Sanders erstmals in Deutschland einen Bus nach einem ersten Leben mit Dieselmotor auf ein zweites Leben mit Strom um. „Der Umstieg von Verbrennern auf Elektroantrieb im öffentlichen Busverkehr kann jetzt schon gelingen“, sagte Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) bei der Übergabe des ersten PilUDE-Fahrzeugs an die Autokraft. Die DB-Tochter betreibt den zwölf Meter langen Elektrobus, Model „MAN Lions City“ jetzt im Schülerverkehr in Nordfriesland.

Umweltminister Jan Philipp Albrecht (links) und Wirtschaftsminister Bernd Buchholz vor dem Elektrobus.
(Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Aber warum fördern die Landesregierung in Kiel und die EU dieses Pilotprojekt und werten es als Durchbruch für einen klimafreundlichen Busverkehr? Die Antwort liegt bei den Nutzfahrzeug-Herstellern: Die haben zwar neue Elektrobusse im Angebot – aber zu sehr hohen Preisen und mit Lieferzeiten von mehreren Jahren – keine guten Voraussetzungen für eine schnelle Wende hin zur Elektromobilität im ÖPNV. Die Verwandlung vom Diesel- zum Elektrobus in Enge-Sande kostet rund 350.000 Euro. „Das ist gerade die Hälfte vom Neupreis eines E-Busses“, sagt GreeTec-Geschäftsführer Marten Jensen. Also eine interessante Alternative für Verkehrsbetriebe, die ihre Klimabilanz schnell verbessern möchten – oder durch Vorgaben der öffentlichen Aufgabenträger müssen.

Dass PilUDE nun ausgerechnet im ländlich-windigen Nordfriesland angesiedelt wurde, ist gar nicht so exotisch, wie es auf den ersten Blick scheint. „Wir haben hier ja reichlich den Rohstoff, nämlich Wind“, erklärt Jensen und wartet mit einer überraschenden Faustformel auf: „Mit einer einzigen Umdrehung einer Windmühle kommt unser Elektrobus voll besetzt zehn Kilometer weit.“ Die Akku-Reichweite des Busses liegt je nach Fahrstil und Fahrgastzahl zwischen 200 und 250 Kilometern, das Stromtanken dauert nur zwei bis vier Stunden und kann auch direkt an einer entsprechend ausgerüsteten Windkraftanlage geschehen. Weiterer Vorzug des E-Busses: Bei Stromausfällen kann er auch als rollendes Notstromaggregat zum Einsatz kommen.

Technisch ist die Umrüstung nicht besonders anspruchsvoll. Die Antriebsachse wird durch ein elektrisches Antriebsmodul ersetzt, der Motor durch Batteriepacks. Das alles soll in der Praxis inklusiv Fahrertraining nur eine Woche dauern. „Die Technik, die wir einbauen, ist viel einfacher als der Dieselantrieb“, sagt Andreas Pfeffer, Chef von I SEE Electric Busses, die das Pilotprojekt federführend vorantrieb. „Schleswig-Holstein hat dieser Entwicklung Rückenwind gegeben.“

Busfahrer Ralf Diederichsen zeigt den Motorraum des Busses. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Ganz so banal war die Entwicklung dann aber doch nicht. Denn eine neue Technik ändert auch die Fahreigenschaften des früheren Dieselbusses. Und da kam ein weiterer Vorteil des nordfriesischen GreenTec-Campus ins Spiel: 17 Kilometer Privatstraßen, auf denen der Bus unbeobachtet unzählige Testrunden drehen konnte, bis das Flensburger Kraftfahrt-Bundesamt die Straßenverkehrstauglichkeit bescheinigte.

Im Juni wurde in Enge-Sande eine neue Montagehalle fertig. Doch Kunden können die Umrüstung auch andernorts durchführen lassen. „Wir stellen die Komponenten zusammen und verschicken sie in Form eines Umrüstungs-Kits, bei Bedarf auch in Begleitung der entsprechenden Fachleute“, erklärt GreenTec-Chef Marten Jensen. Eine erstaunliche Innovation aus Nordfriesland, die auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan-Philipp Albrecht elektrisiert: „Was wir hier erleben, ist die Umrüstung auf die Zukunft. Aus Verbrenner wird E-Antrieb, betrieben mit erneuerbarer Energie. Das kann ein sehr wichtiger Beitrag für den Klimaschutz werden.“

Artikelbild: © Adobe Stock, Bearbeitung Gerrit Hußmann

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