Kolumne

Noch fünf Minuten, Mutti!

Haben Sie eigentlich eine Lieblingszeit?
Noch fünf Minuten, Mutti!

Ich meine, so eine ganz bestimmte Uhrzeit, wenn Sie sich so richtig wohl fühlen? Vielleicht sogar eine Zeit am Tag, die Ihnen ein Gefühl von Gelassenheit gibt, weil Sie wissen, dass Sie nun Zeit für sich haben werden? Oder einen Moment der Klarheit, wo nur ein Blick auf die Uhr reicht, um zu denken: Ach, wie schön!

Die sehr aufmerksamen LeserInnen dieser Kolumne wissen vielleicht, dass ich seit bald 30 Jahren einen alten Bulli fahre. Und irgendwann – so ist das ja mit Autos, die in die Jahre gekommen sind – ging dann auch die Uhr im „Cockpit“ kaputt. Sie müssen wissen, es ist noch eine mit Zeigern, nicht digital. Und sie blieben einfach stehen. 

Also habe ich diese Zeiger auf meine ganz persönliche Lieblingszeit gestellt. Und da sie ja nicht weiterlaufen, ist es nun immer fünf vor zehn, wenn ich in meinen Bus steige. Sofort bin ich immer sehr entspannt und freue mich, dass ich nun Zeit haben werde. Fünf vor zwölf klingt anders. Auch fünf nach zwölf fühlt sich seltsam apokalyptisch an. Und, aber das nur am Rande: Es würde knapp 300 Euro kosten, die antiquarische Uhr in meinem Bulli zu reparieren. Ich habe also nicht nur Zeit, sondern auch Geld gespart. Zeit ist Geld – aber das wissen wir ja alle ...

Ich finde, dass eine Lieblingszeit eine sehr gute Idee ist. Denn um fünf vor zehn am Morgen ist der Vormittag noch nicht vorbei, ich kann noch einen Kaffee trinken und bis mittags noch was schaffen. Und um fünf vor zehn am Abend ist der Abend ja auch noch nicht rum, ich kann noch einen Wein trinken und auch noch was schaffen. Was aber hat es denn nun eigentlich immer mit diesen fünf Minuten auf sich? 

Jeder und jede erinnert sich noch – als wäre es gestern gewesen – an das morgendliche Aufstehen in Schulzeiten: „Noch fünf Minuten, Mutti!“ Oder wenn auf dem Fußballplatz der Trainer rief: „Männer, noch fünf Minuten! Jetzt alle nochmal Gas geben!!“ In „den letzten fünf Minuten“ konnte man immer noch was reißen. Und dann natürlich die Fünf-Minuten-Terrine! Gibt’s die eigentlich noch? Selbst meine Frau geht immer „fünf Minuten frische Luft schnappen“, wenn sie sagen will, dass sie nun noch einmal vor die Tür muss, um eine zu rauchen.

Fünf Minuten sind fünf Minuten, aber das scheint nicht wenig zu sein. Und manchmal werden sie zu einer Art Wohlfühlzeit, die man ganz bewusst für etwas nutzt. Was ich nun ab sofort tun werde: Ich werde mir mehrmals am Tag fünf Minuten Zeit nehmen. Fünf Minuten Tee trinken zwischendurch. Fünf Minuten aufs Feld gucken. Fünf Minuten gar nichts machen. Denn ich nehme mir diese Zeit für mich. Für wen denn sonst!

Oliver Lück ist Buchautor und Journalist. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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