Mein Sommer mit Platini

Es war das Jahr, in dem die erste E-Mail Deutschland erreichte.
Mein Sommer mit Platini

Mark Zuckerberg und Bastian Schweinsteiger wurden geboren. Modern Talking gründeten sich. Es war 1984. Und die schönste Zeit des Jahres hatte begonnen: sechs Wochen Sommerferien. 

Ich war zehn. In Frankreich sollte die Fußball-Europameisterschaft stattfinden. Und ich reiste mit meiner Familie zum allerersten Mal ins Ausland, nach Frankreich. Doch als unser Urlaub begann, stand es gar nicht gut um Rummenigge & Co. Vielleicht lag es daran, dass Jupp Derwall, der Bundestrainer mit der Quadratbrille und den Haaren aus Silber, Steinzeitfußball spielen ließ. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die anderen einfach besser waren. Derwall und die Deutschen schieden schon in der Vorrunde aus. 

Wir hatten kein Auto damals. So waren es zwei lange Tage und eine kurze Nacht im D-Zug bis nach Montpellier. Fünfmal Umsteigen: zweimal in Hamburg, dann Köln, Paris und Lyon. Wir waren zu fünft und hatten 16 Gepäckstücke. Und als wir das Mittelmeer erreicht hatten, war es tagelang furchtbar heiß. 35 Grad und mehr. Kein Wind. Über eine befreundete französische Familie hatten wir eine Ferienwohnung in Frontignan bekommen, einem Badeort, in dem damals nur Franzosen urlaubten. Und wir. Wir aber sprachen kein Französisch.

Ich weiß noch gut, wie meine Mutter auf einem Markt Honig kaufen wollte, dann aber, als der Mann am Stand bemerkte, dass wir Deutsche waren, ihr das Glas aus der Hand riss. Er schubste sie, schrie immer wieder „Boche“, dann „Nazis“. Ein anderes Mal, in einem Supermarkt, wurde mein Vater von einem älteren Monsieur sogar mit einem Baguette verhauen. Und dennoch waren es die schönsten Ferien meines Lebens, denn wir trafen vor allem viele freundliche Franzosen. 

Das Endspiel zwischen Frankreich und Spanien verfolgte ich im Renault unser Gastfamilie. Die gesamte zweite Halbzeit aber knallte ein mächtiger Regen auf das Autodach. Ich konnte kaum etwas verstehen. Und dann war das Spiel vorbei. Erst als die ersten Franzosen mit der Tricolore durch die Straßen tanzten, die Marseillaise sangen und immer wieder „PLA-TI-NI!“ riefen, war auch mir klar, wer gewonnen hatte.

Viele Jahre später begegnete ich Michel Platini einmal persönlich. Für wenige Minuten. Auf einer Pressekonferenz sprach er als Funktionär über die Zukunft des europäischen Fußballs. Doch ich hörte gar nicht wirklich zu. Denn in Gedanken saß ich in einem alten Renault in Südfrankreich. Ich war wieder zehn Jahre alt. Es regnete in Strömen. Das Radio lief. Und ich hatte die Stimme des Kommentators im Ohr.

Oliver Lück ist Buchautor und Journalist. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Am 28. Juli (19:15 Uhr) lädt er in die Globetrotter-Filiale am Gänsemarkt zu einem spannenden Campingbus-Workshop ein. Für alle, die im Bulli oder Wohnmobil unterwegs sind. www.lueckundlocke.de

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