Kolumne

Loch auf dem Teller

Ich habe Andrea kennengelernt. Sie hat Gemüse auf extrem wenig Platz mitten in der Stadt gepflanzt.
Loch auf dem Teller

Ihre Idee: Zurück zu den Wurzeln, aber mit Blick in die Zukunft. Die 33-Jährige nennt sich Erlebnisdesignerin. Sie veranstaltet „Abende der kulinarischen Zukünfte“. Sie will die Ernährung von Morgen erlebbar machen. Also hinterfragt sie Essgewohnheiten und durchbricht gängige Muster. 

Zum Beispiel hat sie das Schlachten gelernt. Von ihr stammt die Installation „SCHWEIN#1738“: Sie hat das Tier von den Augen bis zur Haxe in 66 Teile zerlegt und Stück für Stück in Blöcke aus Natursilikon gegossen und zur Schau gestellt. Die Museumsbesucher können nun versuchen, das Schwein wieder zusammenzusetzen. „Je genauer sie das schaffen, desto vollständiger und intensiver wird auch das Schlachterlebnis. Ich wollte darauf hinweisen, dass die meisten industriell gefertigten Produkte aus Tieren keinem Lebewesen mehr ähnlich sehen“, erklärt sie, „wir essen Objekte aus Tiersubstanz, wie zum Beispiel Chicken Nuggets oder Würstchen, und ekeln uns nicht davor – vor einer blutigen Schweinerippe aber schon.“

Dann habe ich Hanni kennengelernt. Sie ist Trendforscherin und hat mir erklärt, dass der Hunger auf vegetarische Wurst auch mit einer extrem ausgeprägten Fantasielosigkeit, was das Essen angeht, zu tun haben könnte. „In unserem Kulturraum charakterisiert Fleisch noch immer die Hauptspeise“, so die Ernährungswissenschaftlerin. Alles andere sei lediglich Beilage. „Lässt man Fleisch weg, hinterlässt das ein großes Loch auf dem Teller.“ 

Ich möchte diese kleine Kolumne nicht überstrapazieren, aber schon jetzt ist auch klar: Mögen sich die Konsumenten noch so sehr an ihre Schweineschnitzel klammern, auf Dauer wird sich die wachsende Weltbevölkerung nicht mit Fleisch ernähren lassen. Forscher suchen händeringend nach alternativen Eiweißquellen. Inzwischen spielen auch Themen wie Nachhaltigkeit und Tierwohl eine immer größere Rolle. Und die Zahl derer, die ihren Fleischkonsum reduzieren, aber nicht auf den Fleischgeschmack verzichten wollen, steigt. Das Allerwichtigste dabei ist: Das Fleischlose muss so fleischähnlich wie nur möglich sein, im Geschmack und Aussehen, in Biss und Konsistenz. 

Alleine der Ersatz von Fleisch durch Ersatzprodukte werde aber nicht ausreichen, so Andrea: „Wir müssen unseren Lebensstil überdenken. Ernährung ist politisch und schon lange keine Privatsache mehr. Alles, was ich konsumiere, hat Auswirkungen auf den Planeten und die Menschen. Es gibt kein Grundrecht auf Fleisch.“

Oliver Lück, 49, ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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