Von Bucht zu Bucht

Leben ohne Sonne und frische Luft

1,4 Millionen Schweine leben in Schleswig-Holstein – aber zu sehen bekommt man sie als Kunde immer erst an der Fleischtheke.
Leben ohne Sonne und frische Luft

1,4 Millionen Schweine leben in Schleswig-Holstein – aber zu sehen bekommt man sie als Kunde immer erst an der Fleischtheke. Denn konventionell gehaltene Mastschweine kommen nie nach draußen und fristen ihr kurzes Leben auf engem Raum im Stall.

Schnitzelbraten für 4,99 Euro das Kilo oder 1,11 Euro für 100 Gramm rustikalen Kochschinken, reduziert von 1,89. Das sind die aktuellen Sonderangebote an der Fleischtheke eines Kieler Supermarkts im November 2020. „Darf‘s ein bisschen mehr sein?“, fragt die Verkäuferin. Ganz am Ende der agrarindustriellen Produktionskette entscheidet der Verbraucher, angelockt durch saftige Rabatte.

Ganz an ihrem Anfang stehen Landwirte wie Gernot Rixen (Name geändert) in Ostholstein, die dieses billige Schweinefleisch erzeugen. Rixen kennt die Preise beim Discounter, vor allem aber bereitet ihm dieser hier Kopfzerbrechen: 1,30 Euro pro Kilo bekommt er für ein Mastschwein, das er am Ende eines knapp sechs Monate kurzen Schweinelebens beim Schlachthof abliefert – jedes über 100 Kilogramm schwer. Rixen: „Beim Fleisch haben die Deutschen vor allem eine Forderung: Billig muss es sein!“

Die konventionelle Mastschwein-Produktion steht unter Druck, nicht nur in Schleswig-Holstein. Die Corona-Krise hat die Kapazitäten der Schlachthöfe reduziert, die afrikanische Schweinepest Fleischexporte nach Asien zum Stillstand gebracht. Der Kreislauf funktioniert nicht mehr: Rixen wird seine schlachtreifen Schweine nur schwer los, darum fehlt der Platz für neue Ferkel. Und auch der gesellschaftliche Gegenwind nimmt zu: Tierschützer fordern mehr Platz und Auslauf für Schweine und Kühe, Umweltschützer weniger Gülleeintrag. Dann sind da noch die international tätigen Großerzeuger, die EU, der Lebensmittel-Einzelhandel, verschiedenen Verbände und nicht zuletzt die Verbraucher, die ein Kotelett zu Ramschpreisen nahezu wie ihr Grundrecht betrachten.

Über Biofleisch werde zwar öffentlich viel gesprochen, sagt Rixen, aber er habe sich bewusst für die konventionelle Tierhaltung entschieden. Das bedeutet nicht zuletzt: industrielle Produktionsmethoden, gesteuert und überwacht von einer leistungsfähigen IT. Rechner mischen das Futter, das während der Vor-, Mittel- und Endmast nach maßgeschneiderten Rezepturen gemischt wird, und führen es geradewegs den hungrigen Mäulern zu. Gleich nach der Geburt erhält jedes Ferkel einen Transponder im Ohr, mit dem sich sein Leben bis zum Schlachthof nachverfolgen lässt. Landwirtschaft 4.0, die Vernetzung der Prozesse im Stall und drumherum, hat bei Bauer Rixen längst Einzug gehalten.


Strenger Stallgeruch

Es ist ein großes Schweinegewusel im Stall, denn viel Platz hat ein konventionell gemästetes Schwein nicht. Es kommt auch nicht an die frische Luft, sondern muss sein kurzes Leben in einem strengen Stallgeruch fristen. Aus dem Harn und Kot der Tiere bildet sich nämlich Ammoniak, ein Schadgas, das die Tiere stresst und krank machen kann. 20 ppm (Part per Million) sind zulässig, und auch wenn in diesem Maststall deutlich weniger gemessen wird: Gute Luft riecht anders.

In der Schweinehaltung arbeiten im Land zumeist zwei spezialisierte Betriebe Hand in Hand: Sauenhalter produzieren Ferkel, und Schweinemäster bringen sie anschließend auf ihr Schlachtgewicht. Bei Gernot Rixen liegen diese beiden Prozesse in einer Hand. Zu seiner Schweineherde gehören sogar zwei Eber – aber man darf sich davon nicht täuschen lassen: Die beiden Herren sind nur dazu da, den Sauen während der Rausche genannten Paarungszeit den Kopf zu verdrehen. Für die künstliche Besamung bezieht Rixen geprüftes bläuliches Qualitätssperma in Plastik eingeschweißt, das man auch für Duschgel halten könnte. Es stammt von Ebern eines anderen Betriebs im Kreis Plön.

Knapp 5000 Schweine produziert der Hof jährlich – und gehört damit eher zu den kleineren im Land. Denn auch hier schreitet die Konzentration mit großem Tempo voran:

Ganze 800 Schweinemäster gibt es heute noch in Schleswig-Holstein, 70 Prozent weniger als zur Jahrtausendwende. Dafür werden ihre Ställe immer größer: Seit dem Jahr 2000 stieg die durchschnittliche Betriebsgröße von rund 500 auf 1700 Tiere. Insgesamt zählte das Statistikamt in Schleswig-Holstein im Mai 1,4 Millionen Schweine. Zum Vergleich: Von den wesentlich sichtbareren Rindern gab es knapp eine Million Tiere, und von Schafen knapp 200.000.

Doch wäre „Klassetierhaltung“ nicht besser als Massentierhaltung? Zwar finden auch die meisten Verbraucher eine artgerechtere Tierhaltung gut und richtig – aber wenn es an ihren Geldbeutel geht, entscheiden die meisten dann doch anders: Bio-Schweinefleisch bleibt hierzulande weiter ein Nischenprodukt mit einem Marktanteil von einem kümmerlichen Prozent.

Hier macht Schweinsein Spaß. Zumindest sieht es ganz danach aus. Diese Bioschweine aus Kamp-Lintfort, Nordrhein-Westfalen leben auf dem Bioland Bauernhof Frohnenbruch ganzjährig im Freien auf der Wiese (imago images / Rupert Oberhäuser)


Öko-Anteil unter dem Durchschnitt

Doch immerhin beim Ökolandbau geht es im Land zwischen den Meeren voran: Um 6 Prozent wuchs 2019 die Fläche, auf der ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Düngemittel gewirtschaftet wird, auf nunmehr 65.000 Hektar. Dieser Wert ist auch für die Erzeugung von Biofleisch von Bedeutung, denn Bioschweinen darf gemäß den Vorschriften natürlich nur biologisch gewachsenes Futter vorgesetzt werden – und das möglichst vom eigenen Hof.

Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht wirbt jedenfalls für die Öko-Wende in der Landwirtschaft: „Der anhaltende Zuwachs ist ein großer Erfolg und zeigt, dass wir mit Ökolandbauprämien, Investitionsprogrammen für artgerechte Tierställe, verbesserter Beratung, Vernetzung und Ausbildung auf dem richtigen Weg sind.“ Als Schwachpunkt sieht der Grünen-Politiker derzeit den Absatz von Biolebensmitteln. Darum will Schleswig-Holstein jetzt für die einfachere Bio-Zertifizierung von Großküchen einsetzen. So sollen mehr Ökoprodukte auf dem Kantinenteller landen.

Andere Bundesländer sind beim Ökolandbau derzeit schon weiter: Während hierzulande nur 6,6 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche biologisch nachhaltig beackert werden, sind es laut Fachblatt „agrarheute“ im Saarland (16 Prozent), Hessen und Baden-Württemberg (14 Prozent) mehr als doppelt so viel. Bundesweit liegt der Anteil bei rund 10 Prozent. Schleswig-Holstein, dieses von der Natur gesegnete Agrarland, hat in diesem Bereich durchaus noch etwas aufzuholen.

Ein Schweineleben in Zahlen:

  • 178Tage lebt ein Mastschwein bis zur Schlachtung
  • 21Tage säugt die Muttersau ihr Ferkel, das dann sechs Kilogramm wiegt
  • 49Tage verbringt das Ferkel in der Aufzucht, anschließend wiegt es 27-28 Kilo
  • 108Tage folgen in der Mast, Endgewicht: 120 Kilo
  • Rund 16Ferkel bringt eine Zuchtsau pro Wurf zur Welt
  • 2,4-mal pro Jahr wirft eine Zuchtsau
  • 260Kilogramm Futter frisst ein Mastschwein im Lauf seines Lebens: Getreide, Soja und Mineralstoffe

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