Kolumne

Kondome des Grauens

Vor allem an den idyllischen und etwas versteckt gelegenen Plätzen am Meer lässt sich vor allem eines finden: Kondome.
Kondome des Grauens

Bevor es jetzt bald so richtig kalt werden wird, war ich noch ein letztes Mal mit meinem VW-Bus unterwegs. Ich übernachtete an einem wunderbaren Platz mit Blick auf die Ostsee. Erst am nächsten Morgen entdeckte ich die zerknüllten Taschentücher und die benutzten Kondome, die verstreut auf dem Parkplatz lagen. Wobei der Anblick von in die Natur geworfenen Präservativen längst nichts Ungewöhnliches mehr ist. Überall sind mir die schlauchförmigen Gummihäute begegnet. Vor allem an den idyllischen und etwas versteckt gelegenen Plätzen am Meer lässt sich vor allem eines finden: Kondome.

Lange Zeit habe ich es für möglich gehalten, dass es in Europa noch Orte geben könnte, wo nie ein Mensch gewesen ist. Dass ich diese Vorstellung getrost vergessen kann, weiß ich inzwischen – wegen der Kondome, die überall herumliegen, wo man sie nie erwarten würde. In Schweden entdeckte ich nach einer mehrstündigen Wanderung mitten in der Wildnis eine aufgerissene Packung der Marke „Mamba“. Am Strand von Riga begegnete mir das Porträt von Wladimir Lenin auf einer Kondomschachtel – ein kommunistisches Kondom sozusagen, vermutlich Einheitsgröße. Generell lässt sich aber sagen, dass es in nördlichen Ländern die meiste Zeit des Jahres zu kalt ist, um in freier Wildbahn oder im Auto Sex zu haben. In Finnland oder Norwegen habe ich noch kein einziges Kondom gefunden. In Spanien, Portugal und in Italien aber gibt es wahre Strände des Grauens.

Mein Italienisch-Wörterbuch ist zwar schon etwas älter, dennoch überrascht es, dass man zwischen dem Vorgefühl (presentimento) und dem Präsidenten (presidente) vergeblich nach einem preservativo sucht – wobei es sinngemäß sehr gut dazwischen passen würde. Und auch in meiner spanischen Vokabelhilfe ist zwischen dem Straferlass (condonación) und dem Kondor (cóndor) kein Kondom zu finden. Ein schneller Blick in das englische Lexikon dagegen genügt bereits, um zwischen Beileid (condolence) und Eigentumswohnung (condominium) fündig zu werden. Warum aber die Italiener sich dem preservativo verweigern, es aber dennoch massenhaft benutzen, weiß vermutlich nicht einmal der Papst. Es mag aber daran liegen, dass Kondome im Alltag auch „guanti“ genannt werden, was so viel wie Handschuhe bedeutet.

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