Kolumne

Kommt nicht in die Tüte

Und dann lag sie plötzlich da, vergessen oder verloren, zwischen den Strandkörben im Sand: eine prallgefüllte Aldi-Tüte.
Kommt nicht in die Tüte

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen lauen Sommerabend am Strand von Sierksdorf, jetzt auch schon wieder 25 Jahre her. Ich muss wohl so Anfang 20 gewesen sein. Es war schon spät nach Mitternacht und ich nicht mehr ganz nüchtern. Und dann lag sie plötzlich da, vergessen oder verloren, zwischen den Strandkörben im Sand: eine prallgefüllte Aldi-Tüte. Der Inhalt, ich habe es noch genau vor Augen, als wäre es gestern gewesen, ich werde es nie vergessen: 20 Dosen Bier. Ich hatte einen Schatz gefunden! Und ich meine nicht das Bier, sondern die Tüte mit ihrem blau-weißen Diagonalmuster aus Plastik, das bekannteste unbekannteste Kunstwerk Deutschlands, Anfang der Siebzigerjahre gestaltet von einem geometrisch-abstrakt arbeitenden Maler mit dem schönen Namen Günter Fruhtrunk.

Jeder in Deutschland kannte Fruhtrunk und seine Formensprache, obwohl niemand den Namen je gehört oder seine Arbeiten jemals gesehen hatte. Dass der Discounter einen Künstler mit der Gestaltung einer Tüte beauftragte, war natürlich kein Zufall gewesen: Die Logos vieler Discounter entstammen noch heute weitgehend der Bildsprache der konkret-konstruktiven Kunst der Siebziger. Ob Aldi, Lidl, Penny oder Ikea – sie alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip: schnörkellos, einfach, in den Grundfarben gehalten und geradeswegs einprägend. 

Ach, apropos prägend: Wussten Sie, dass die Plastiktüte dieses Jahr Jubiläum feiert? Vor 60 Jahren wurde die erste Einmaltasche in Deutschland verkauft. Vermutlich im Ruhrpott, der Heimat der Plastiktüte. Aber auch überall sonst brannte sich einem Kind der siebziger, achtziger, neunziger Jahre und danach vor allem eines ein: Die Plastiktüte ist die Lösung für alles. Die Erbsensuppe droht auszulaufen? Schnell 'ne Tüte rum! Der halbe Grandplatz klebt schon wieder an den Fußballschuhen? Schnell rein in die Tüte! Der erste Schnee fällt, aber der Schlitten steht noch im Keller? Eine Plastiktüte unterm Po tut’s ja auch! Unvergessen übrigens auch die Tütentüten: Tüten, die nur dazu da waren, dass man andere Tüten in sie hineinstecken konnte.

Seit jeher war sie ein treuer Begleiter. Gleichermaßen praktisch wie vielseitig, allerdings – und jetzt kommt’s, was für viele noch immer überraschend zu sein scheint, waren es allein 2016 deutschlandweit doch noch sechs Milliarden: Plastiktüten sind wahre Umweltkiller mit einer katastrophalen Ökobilanz, so dass nun ihr Ende besiegelt wurde. Dieses Jahr soll das letzte sein, in dem sie herausgegeben werden dürfen. Ab dem 1. Januar 2022 muss der eigentlich sehr schöne Satz „Kommt nicht in die Tüte!“ neu erfunden werden. Diese Frage sollte aber noch erlaubt sein: Auf was sollen die Kinder denn nun rodeln? Wobei, Schnee gibt es ja auch nicht mehr. 

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