Kolumne

Kennen Sie Heino Jaeger?

Es ist ja längst eine Binsenweisheit, dass etwas im Argen liegt bei dem, was man immer noch als Debattenkultur bezeichnet.
Kennen Sie Heino Jaeger?

Es ist ja längst eine Binsenweisheit, dass etwas im Argen liegt bei dem, was man immer noch als Debattenkultur bezeichnet. Ganz besonders im Netz, wo ja immer sehr schnell, sehr aufgeregt und sehr laut diskutiert wird und die von ihrem Hass Gesteuerten zwar schön Abstand halten und anonym bleiben, darüber aber ihren Anstand verlieren. Coronakrise. Weltverschwörungen. Rechtspopulismus. Es werden die ganz großen Themen behandelt. Wozu immer auch Gesichter gehören, an denen man sich abarbeitet – die Erdoğans, Johnsons und Trumpeltiere dieser Welt auf der einen und die Quasi-Heiligen auf der anderen Seite: die Thunbergs, die ICHs und alle Pandabären. Schwarz und weiß. Gut und böse. Freund und Feind. Oder umgekehrt. Und mittendrin: Heino Jaeger. Bitte, wer?

Kennen Sie Heino Jaeger? Niemand kennt Heino Jaeger! Loriot, den jeder kennt, sagte mal: „Wie konnte es geschehen, dass Heino Jaeger 25 Jahre ein Geheimtipp blieb? Wir haben ihn wohl nicht verdient.“ Einmal, das ist jetzt auch schon wieder 15 Jahre her, konnte ich mit Olli Dittrich über Heino Jaeger sprechen. Kennen Sie Olli Dittrich? Ich hoffe es sehr! Ist er doch einer der größten Komiker unserer Zeit. Er hat nicht nur Dittsche erfunden, den Mann im Bademantel, der jeden Sonntagabend Bier in einem Imbiss trinkt und seine Sicht auf die wirklich wahre Welt erklärt. Er ist vor allem einer der feinfühligsten Beobachter, die wir haben. Olli Dittrich damals über Heino Jaeger, den Maler, Zeichner und genialen, bis heute unerreichten Satiriker der 70er und 80er Jahre: „Heino hatte die Gabe das Hochkomische, das Skurrile, das Abseitige des alltäglichen Lebens, das Deutschtümelnde, das Witzige an Spießigkeit und Vereinsmeierei herauszufühlen und sofort eins zu eins wiederzugeben. Das hatte es vorher nicht gegeben, und das hat es seither nicht mehr gegeben, bis heute nicht.“

Auch Heino Jaeger war sehr nah dran am Wirklichen. So nah, dass das Publikum die Satire dahinter kaum verstand und sich fragte: Was soll denn daran lustig sein? So ist es doch im echten Leben auch! Die Genauigkeit mit der er seine Mitmenschen beobachtete und nachahmte, war für viele erschreckend entlarvend. „An manchen Abenden hat er ein komplett verstörtes Publikum hinterlassen, denen das einfach zu nah und zu echt war“, so Olli Dittrich. „Was er zum aktuellen Zustand der Welt wohl sagen würde?“

Leider kann man ihn nicht mehr fragen. Heino Jaeger starb 1997 an einem Schlaganfall und liegt auf dem Friedhof von Bad Oldesloe begraben. Eines dürfte aber klar sein: Er würde der Welt den Spiegel vorhalten. Schonungslos. Und so ganz ohne Abstand – was ausnahmsweise sehr gut wäre.

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