Kolumne

Kängurubenzin

Es muss wohl so irgendwann Mitte der 70er Jahre gewesen sein. Ich war drei oder vier, vielleicht fünf. Und meine Mutter machte gerade ihren Führerschein.
Kängurubenzin

Während sie also versuchte, die teils rätselhaften Anweisungen des Fahrlehrers – meist schrie der Mann – in den Straßenverkehr zu übertragen, saß ich mit Nappo und Raider auf dem Rücksitz und schaute aus dem Fenster. Natürlich unangeschnallt und ohne Helm – es waren andere Zeiten. Und die Gurtpflicht gab es ja auch erst seit ganz kurz. Damals spaltete sich die gesamte Republik in zwei Gattungen Mensch: die Anschnaller und die Gurtgegner. 

Männer fürchteten um ihre Freiheit, Frauen um ihren Busen. Es war vor allem die Angst, durch den Gurt am Auto gefesselt zu sein, die viele von seiner Benutzung abschreckte. Horrorgeschichten machten die Runde. Man würde nach Unfällen im Auto verbrennen oder im Wasser ertrinken, weil man sich nicht befreien könne. Für rationale Argumente war in jenen Tagen kaum noch jemand empfänglich. Wobei, kommt mir irgendwie bekannt vor, wenn ich an die heutigen Impfdiskussionen denke, die ja selten sachlich, sondern eher wutgesteuert sind und mit viel Geschrei geführt werden. 

Naja, jedenfalls schnallte auch der Fahrlehrer meiner Mutter sich aus Prinzip nicht an. Er war ein Asphaltalphatier, Mitte fünfzig und alles besserwissend. Ein Mann der Marke: Wie immer ist er der Dumme, an dem alles hängenbleibt. Seine Ausrede wegen des Gurtes: Er müsse schnell eingreifen können, falls etwas schief gehe. Dafür kettenrauchte er in einer Tour und bei geschlossenem Fenster. Die nächste Zigarette steckte er sich immer mit dem Stummel der vorherigen an. Seine Begründung: Offenes Fenster wäre ungesund. Er wolle sich nicht erkälten. Heute wundert es mich, dass er nicht auch noch Bier trank – was für ein Spießer!

Aus seinem Mund kam fortlaufend so eine Art verlängertes Motorengeräusch, in das sich Wörter wie „links“, „grün“ und „Blinker“ mischten. Dann und wann brachte er aber auch klar artikulierte Sätze hervor, wie zum Beispiel: „Frau Lück, Sie haben wohl Kängurubenzin getankt!“ Eine Redewendung, die bis heute in unserer Familie in Gebrauch ist, wenn das Anfahren mal nicht ganz so klappt. Ach, und was das Anschnallen angeht: 1971 starben rund 21.000 Menschen auf deutschen Straßen. Heute sind es jedes Jahr etwa 3000. Hat aber sicher nichts mit dem Gurt zu tun, oder etwa doch?

Weiterlesen