Kolumne

Im Sande verlaufen

Ich kannte mal einen Mann, der Sand sammelte. Er ging fast täglich an die Ostsee und hatte hunderte Flaschen befüllt.
Im Sande verlaufen

Ich kannte mal einen Mann, der Sand sammelte. Er ging fast täglich an die Ostsee und hatte hunderte Flaschen befüllt. Sand von der Straße gegenüber, dort, wo die Maulwürfe buddelten. Erde aus dem Wäldchen hinterm Haus. Sand vom Spielplatz nebenan. Feinster Sanduhrensand von der Insel Bornholm. Mancher war einfarbig, anderer gesprenkelt oder ganz bunt. Der Mann hatte ihn getrocknet und durch ein Teesieb gestrichen. Mit schwarzem Filzstift hatte er die Herkunft auf die Plastikflaschen geschrieben. „Einen tieferen Sinn hat das nicht“, erzählte er damals. Und dann sagte er einen wirklich großen Satz, dessen Größe vielleicht erst dann zu erkennen ist, wenn man ihn sich laut vorspricht: „Wenn große Dinge verschwinden, bleiben manchmal winzige Teile von ihnen zurück.“

Vielleicht kann man sogar sagen, dass nichts aus der Welt geht, ohne Spuren zu hinterlassen. Vor einigen Jahren ist der Mann gestorben, von ihm sind die Asche und viele Geschichten geblieben. Von Pflanzen bleibt so etwas wie Humus. Von der Berliner Mauer kleine bunte Stückchen. Und Steine, Felsen und ganze Gebirgsmassive zerbröseln im Laufe von Jahrtausenden. Wind und Regen, Hitze und Kälte reiben so lange an ihnen, bis sie mikroskopisch klein und nahezu beliebig geworden sind. Kennen Sie das Buch, in dem ein schüchterner Junge das winzigste und unscheinbarste Geschenk bekommt, dass man sich vorstellen kann? Es ist ein Sandkorn und der letzte Rest, der vom sagenumwobenen Land Phantásien übrigblieb. Der Junge heißt Bastian Balthasar Bux. Ihm gelingt es schließlich, aus dem scheinbaren Nichts ganze Städte, Länder und Kontinente, ja, sogar ein ganzes Universum zu erschaffen. Und sehr kurz zusammengefasst erzählt Die unendliche Geschichte von Michael Ende natürlich eines: Aus Sand ist die Welt gebaut.

Einmal, das ist jetzt auch schon wieder 15 Jahre oder länger her, beobachtete ich in einer versteckten Badebucht an der nordspanischen Küste drei langhaarige, komplett in schwarz gekleidete Finnen. Sie waren gerade dabei, mächtige Buchstaben an den Strand zu trampeln. Nach und nach setzte sich der Name einer US-amerikanischen Heavy-Metal-Band zusammen, bis dieser – auch aus großer Entfernung von der höhergelegenen Steilküste – gut zu lesen war: MANOWAR. Im Sande verlaufen sozusagen. Ein großes Werk mit kleinen Schritten an den Strand gespurt. Und so kam auch ich am nächsten Morgen auf die Idee, meine damalige Freundin, mit der ich einige Wochen im Bus durch den Norden Spaniens reiste, mit frischem Kaffee und einem metergroßen Gruß aus unserer norddeutschen Heimat zu überraschen: MOIN!

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