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Holstein Kiel: stabile Defensive, kreative Offensive

Wären Zuschauer zugelassen gewesen, hätte am Montagabend im Holstein-Stadion vermutlich eine euphorische Stimmung geherrscht.
Holstein Kiel: stabile Defensive, kreative Offensive

Wären Zuschauer zugelassen gewesen, hätte am Montagabend im Holstein-Stadion vermutlich eine euphorische Stimmung geherrscht. In der Nachspielzeit traf Joshua Mees gegen den Tabellenführer Hamburger SV zum 1:1.

Der Torschützte führte das späte Erfolgserlebnis auf den insgesamt guten Saisonverlauf zurück: „In den letzten Wochen konnten wir uns ein Selbstverständnis aufbauen, dass wir, selbst wenn es in den ersten 90 Minuten nicht geklappt hat, auch am Schluss noch die Bude machen können.“ Auch Daniel Thioune, der Trainer des Hamburger SV, äußerte sich voller Respekt. „In der zweiten Halbzeit hat man gesehen, warum Kiel so weit oben steht. Sie haben das Spiel ein bisschen gedreht, hatten sehr viel Ballkontrolle und haben sich unserem Tor angenähert.“

Kiel erlebte gegen den HSV zwei komplett unterschiedliche Halbzeiten. „Wir haben in der ersten Halbzeit zu passiv verteidigt, haben uns zu weit hinten reindrängen lassen und mussten deshalb viel ohne Ball laufen“, sagt Stürmer Fabian Resse. In den zweiten 45 Minuten hingegen hätte seine Mannschaft mit mehr Mut gespielt und den Gegner tief in deren eigene Hälfte gepresst: „Sie konnten sich keine klaren Chancen mehr erspielen und wir haben uns einen verdienten Punkt, am Ende hätten es fast noch drei sein können, gesichert. Für die Moral war das sicher sehr wichtig.“

Khaled Narey (Hamburger SV, 7) holt Fabian Reese (KSV, 11) von den Beinen, 7. Spieltag (imago images / Holsteinoffice)

Die „Störche“ können mit dem Saisonstart insgesamt zufrieden sein. Mit zwölf Punkten aus sieben Spielen stehen sie auf dem 4. Tabellenplatz und haben lediglich einen Punkt Rückstand auf Rang 2. Das 1:3 gegen die SpVgg Greuther Fürth, die momentan den dritten Tabellenplatz belegt, war die einzige Niederlage der laufenden Saison.

Das Prunkstück ist die Verteidigung. Nur sechs Gegentreffer kassierte Holstein in der laufenden Saison – der beste Wert der Liga. Die Kieler verteidigen als Mannschaft sehr kompakt, lassen dem Gegner wenig Räume und erzwingen über das Mittelfeld Ballverluste. Mit dieser unangenehmen Spielweise stellen sie Mannschaften, die über einen deutlich höheren Etat verfügen, vor große Probleme. Das trifft nicht nur auf den HSV zu. Die beiden Bundesliga-Absteiger SC Paderborn (1:0) und Fortuna Düsseldorf (2:1) wurden bezwungen. Solche Erfolgserlebnisse lassen Spielfreude aufkommen, wie Mees erzählt: „Es macht einfach Spaß, mit den Jungs zu kicken und wir hoffen, dass wir so weiter machen können.“

Jae-Sung Lee (KSV, 7) im Duell mit Tim Leibold (Hamburger SV, 21). (imago images / Holsteinoffice)

Ohnehin verlief die sportliche Entwicklung von Holstein Kiel rasant. 2013 spielten die Schleswig-Holsteiner noch in der Regionalliga. 2017 stieg der Verein von der 3. Liga in die 2. Bundesliga auf, wäre im ersten Jahr fast direkt in die Bundesliga durchmarschiert, scheiterte aber in der Relegation an dem VfL Wolfsburg. In den vergangenen beiden Spielzeiten belegten die „Störche“ die Tabellenplätze 6 und dann 11. Mit ihrem Mix aus einer stabilen Defensive und einem kreativen Offensivfußball haben die Norddeutschen es geschafft, sich als ambitionierter Zweitligist zu etablieren. Obwohl im Sommer keine Ablösen für Neuzugänge gezahlt wurden, sagt Trainer Werner: „Ich bin der Überzeugung, dass der Kader von der Leistungsdichte ausgeglichener ist als in der vergangenen Saison.“

Mit Kapitän und Innenverteidiger Hauke Wahl, Mittelfeld-Stratege Jonas Meffert und dem offensivorientierten Alexander Mühling verfügt der Verein über eine stabile Achse, die mit dem bundesliga-erfahrenen Tim Bartels sinnvoll erweitert wurde. Dass der Spieler-Etat um rund zwei Millionen Euro auf etwa 11,3 Millionen Euro reduziert wurde, fällt daher nicht ins Gewicht.

Nach der Länderspielpause empfängt Holstein Kiel am 21. November den 1. FC Heidenheim. Sicher ist bereits, dass das Jahr 2020 mit einem echten Highlight enden wird: Am 22. oder 23. Dezember wird der FC Bayern München in der 2. Runde des DFB-Pokals zu Gast sein. „Die Losfee hat uns die größtmögliche Herausforderung des Wettbewerbs beschert“, sagt Werner. „Es ist eine große Motivation, sich mit den besten Spielern der Welt messen zu können. Realistisch betrachtet ist es eine sehr, sehr schwere Aufgabe, aber wir werden unser Bestes geben und schauen, wofür es dann am Ende reicht.“

Artikelbild: imago images / Holsteinoffice

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