Kolumne

Halbmast

Er fährt so selten nach Hause, wie andere in den Urlaub fahren. Anfang Dezember wird es für eine Woche heim gehen ...
Halbmast

Er fährt so selten nach Hause, wie andere in den Urlaub fahren. Anfang Dezember wird es für eine Woche heim gehen, der Geburtstag eines guten Freundes steht an. Dann aber wird er schnell zurückkehren, elf von zwölf Monaten lebt er auf dem Campingplatz an der Ostsee. Er ist Dauercamper. Also hat er die Freiheit, einen Zaun um den Wohnwagen zu ziehen und den Familiennamen dranzuschreiben. Er hat die Freiheit, Gartenzwerge aufzustellen, Blumen zu pflanzen und Büsche, solange das zurückgeschnitten wird, was die Grenze des Stellplatzes überwuchert. 

Immer wenn er die drei Flaggen am Mast vor seinem Wohnwagen hisst, schaut ihm der Husumer zu, sagt er. Er hat das im Gefühl. Er spürt den Blick des Husumers, den er Husumer nennt, weil das ein Mann war, der aus Husum stammte und hier auf dem Campingplatz in seiner Nähe lebte. Eines Tages wurde der Husumer krank, und weil er schon ahnte, dass er den Campingplatz nie wiedersehen würde, schenkte er seinem Nachbarn das Gestänge und die drei Flaggen – die von Deutschland, die des HSV und die von Schleswig-Holstein – vielleicht hing sie aber auch bloß verkehrt herum und es war die der Niederlande. „Pass auf die Flaggen auf“, sagte der Husumer. „Und häng sie immer in den Wind.“ Er hängte sie immer in den Wind, bis ein anderer Mann auf dem Campingplatz in seine Nähe zog, gleich schräg gegenüber, und sich beschwerte über den Fahnenmast, der ihm die Sicht raubte. Und über das leise Knattern des Fahnentuchs beschwerte der neue Nachbar sich auch. Weil er nicht streiten wollte, wenn er auf dem Campingplatz war, holte er die Flaggen ein und warf sie in den Müll. Und den Mast montierte er auch ab.

Irgendwann später kam von irgendwoher ein Flüstern, das sich auf dem Weg von Wohnwagen zu Wohnwagen zu einer klaren Botschaft verdichtete, bis es als laute Nachricht bei ihm am Zaun ankam: Der Husumer war gestorben. Und in diesem Moment hatte er das Gefühl, dass es jetzt um etwas Größeres ging als darum, in einem albernen Nachbarschaftsstreit klein beizugeben. Er war bereit, einen neuen Krach mit den Nachbarn zu riskieren. Und das, obwohl er traditionell Kräche hasste. In einem Fachgeschäft kaufte er neue Flaggen. Und das, obwohl er traditionell immer extrem sparsam mit dem Geld umging. Jetzt aber besorgte er eine Deutschlandflagge, eine des Hamburger SV und eine Niederländische. Er montierte den Mast neu und hängte die Niederländische an die Spitze. Da hängt sie noch immer. Rotweißblau und längsgestreift, die von Schleswig-Holstein ist ja blauweißrot. Von dem Ort aus, wo der Husumer jetzt zuschaut, erkennt man den Unterschied aber vielleicht gar nicht.


Artikelbild: istock/RicoK69 / Bearbeitung: Gerrit Hußmann


Oliver Lück, 48, ist Journalist und Buchautor aus Schleswig-Holstein. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen.
www.lueckundlocke.de

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