Kolumne

Großer Hans

Mit der Bergamotte fing alles an. Ich hatte sie aus dem Urlaub in der Provence mitgebracht. Und dann fand ich sie zufällig unter dem Küchenschrank wieder.
Großer Hans

Dort musste sie hingerollt und wochenlang liegengeblieben sein. Vielleicht sogar Monate.

Eine Bergamotte ist etwas Wunderbares. Eigentlich. Sie schmeckt sauer, leicht bitter, ist eine Mischung aus Limette, Zitrone und Bitterorange. Wenn Sie einen Earl Grey zuhause haben, riechen Sie mal dran. Dann bekommen Sie eine Idee von dem ätherischen Duft – der Schwarztee wird mit Bergamotte aromatisiert. 

Dieses Exemplar aber – das da unter meinem Schrank lag – hatte sich verwandelt. Es war klein wie ein Tischtennisball und hart wie ein Stein geworden. Ungenießbar. Und zunächst ärgerte ich mich, weil das kulinarische Mitbringsel verloren schien. Ich klopfte damit auf die Tischplatte. Dann aber probierte ich etwas Neues aus, holte die Reibe raus, streute das Pulver der Bergamotte über gedämpften Fisch und war total begeistert. 

Heute überlege ich zwei- bis dreimal, ob ich Essbares, das sein Äußeres verändert hat, sofort wegschmeißen muss oder ob ich womöglich doch noch eine Verwendung dafür finden kann. Und was soll ich sagen: Die kreative Verwertung von Speiseresten ist zwar nicht immer zielführend, aber meist geschmackvoll. Kulinarisches Recycling sozusagen.

Und jeder kennt natürlich solche Gerichte – vor allem mit Brot, weil das so schnell hart wird: In Frankreich gibt es „Pain perdu“ (verlorenes Brot), was mittlerweile als „French Toast“ zu den Klassikern des amerikanischen Frühstücks gehört. In Deutschland, Spanien oder Schweden auch als „Arme Ritter“ bekannt, werden angetrocknete Brotscheiben in einer Masse aus Eiern und Milch gewendet und in Butter angebraten. Vor allem in Norddeutschland ist „Großer Hans“ sehr beliebt, gab es bei uns damals mindestens zweimal im Monat: Altes Brot wird mit Milch, Eiern und Rosinen in einer Aluminiumform im Wasserbad gebacken. Dazu gibt es Pflaumen und Schweineschmalz mit Speck. 

Und in Italien ist übrigens dieser schöne Brauch weit verbreitet. Dort sind es vor allem die älteren Menschen, die dem Essen mit mehr Respekt begegnen: Immer dann, wenn sie ein heruntergefallenes Stück Brot aufheben, küssen sie es, bevor sie es wieder auf den Tisch legen.

Weiterlesen