Kolumne

Grenzort der Elemente

Neulich am Elbstrand: Die Aussicht war schiffig.
Grenzort der Elemente

Der gleichmäßige Rhythmus der Wellen wirkte beruhigend und beunruhigend zugleich. Stichwort: Monsterwellen, die durch Monsterfrachter ausgelöst werden und sich jeden Grill und jede Badetasche holen.

Alle wollen ja immer an den Strand. Wir himmeln ihn an. Er ist das Ende der begehbaren Welt, ein Grenzort der Elemente, wo alles im Dazwischen zu sein scheint. Zwischen Wasser und Land. Zwischen nass und trocken. Zwischen Bewegung und Stillstand. Mehr als nur Ufer, wo es sich gut baden lässt. Er ist Kinderstube, Ruhezone und Wallfahrtsort für alle, die ein Stückchen Freiheit in den Ferien suchen. Am Strand will man fern sein von zu Hause, aber es so haben wie dort. Nirgends sonst wird dem Körper mehr Entfaltung erlaubt. Er ist ein Ort, an dem die Dinge noch von alleine geschehen können, wenn man sie lässt. Wie eine Sandkiste, nur größer, sehr viel größer. 

Tage am Strand haben immer auch mit Sehnsucht zu tun. Die Gedanken können unterwegs sein. Im Kopf lässt es sich gut verreisen. Und manchmal reicht auch schon das Gefühl von Weitblick und Fernweh, um zufrieden zu sein. Man könnte ja losfahren, wenn man wollte. Beim Schauen auf das Wasser kann eine Menge klar werden, über das Leben, über einen selbst, über Wünsche. Vielleicht wird aber auch gar nichts klar und man schaut einfach nur aufs Wasser. Schließlich ist man ja am Strand, wo alles sein kann, aber nichts muss. Deshalb ist man ja dort. Der Strand ist ein Ort, wo die Dinge noch von alleine geschehen können, wenn man sie lässt. 

Die erste direkte Begegnung mit dem Meer, noch vor der Schulzeit, spätere Siebziger, Nordsee, irgendwo in Holland: Am Strand meiner Kindheit trafen sich Fremde, Freiheit und eine nicht zu fassende Ferne. Und grenzenlose Fantasie. Als Vierjähriger tappte ich am Wasser entlang, buddelte Löcher und manchmal meine Brüder ein. Es wurden Muscheln gesammelt und Schätze vergraben. Vielleicht sogar Flaschenpost verschickt. Es waren die schönsten Tage des Jahres. Weicher warmer Sand. Salz in der Luft. Endloses Blau. Gefühlte Augenblicke, die sofort wieder lebendig werden, wenn ich am Strand bin. Einen schönen Sommer für alle!


Oliver Lück ist Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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