Von Bucht zu Bucht

Gereift für die Insel

Vor drei Jahren zog Klaus Sander mit seiner Familie von Berlin nach Föhr.
Gereift für die Insel

Vor drei Jahren zog Klaus Sander mit seiner Familie von Berlin nach Föhr. Im Alleingang konzipiert und produziert er aus einem ehemaligen Bauernhaus Hörbücher, die aber eben keine richtigen Hörbücher sind.

Klaus Sander hat offenbar ein Faible für nackte Glühbirnen. In seiner Verlagszentrale – oder sagt man besser Werkstatt? – baumelt eine von der Decke, wahrscheinlich eines dieser für die Ewigkeit gemachten Provisorien. Die Birne wirft ein scharfes aber auch bezeichnendes Licht auf den Mann: hager, hochgewachsen, kahler Schädel, müde Augen. Er hat zwei Kinder, drei und acht Jahre alt, und die rauben berufstätigen Eltern in diesen Seuchenzeiten wegen monatelanger Extrabetreuung seit langem den Schlaf.

Sander konzipiert und produziert Hörbücher, die aber eben doch keine üblichen – vorgelesenen – Hörbücher sind. „Für mich sind es Erzählungen“, sagt der 52-Jährige, der dieses spezielle Format tatsächlich erfunden hat. Er trifft Philosophen, Wissenschaftlern, Schriftsteller oder Menschen mit speziellen Talenten, und spricht tagelang mit ihnen. Die Mitschnitte dieser Interviews komprimiert er zu einem erzählten Monolog, „indem ich meine Fragen, und all die Redundanzen beim freien Erzählen herausschneide.“ Eine Sisyphos-Arbeit, bei dem ihm ein Düsseldorfer Freund als Schnittmeister zur Verfügung steht. Heraus kommen je nach Ergiebigkeit Kassetten mit bis zu vier CDs, von ihm selbst mit Herzblut gestaltet.

„Ob jemand vorliest und frei erzählt, das ist ein himmelweiter Unterschied“, sagt Sander, der diese These seit seinem Erstlingswerk 1996 schon über hundert Mal bewiesen hat. Eine Art Bestseller gelang ihm 2007 mit „Ein Sommer, der bleibt“ des inzwischen verstorbenen Schriftstellers Peter Kurzeck, der „das Dorf seiner Kindheit erzählt“. Für Klaus Sander war diese Kreation „der erste erzählte Roman überhaupt.“ Die Kritik liebte ihn dafür. Zweimal erhielt er die Auszeichnung „Hörbuch des Jahres“ und zweimal, zuletzt 2020, den Deutschen Verlagspreis.

Klaus Sander vor dem Leuchtturm Olhörn in Wyk auf Föhr. (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

„Verleger bin ich allerdings nicht so gern“, sagt Sander, doch um den Job kommt er in einem Ein-Mann-Unternehmen nicht herum. Preiskalkulation, vermarkten, verhandeln, versenden: Alles notwendig, aber doch eher Quälerei für einen schöpferischen Geist wie ihn. Viel lieber tüftelt er an seinen Ideen und hält nach geeigneten Erzählern Ausschau. „Jede Produktion ist ein neues Experiment.“ Dabei geht Klaus Sander mitnichten strategisch vor, „vielmehr ergibt sich aus dem einen Thema oft überraschend ein weiteres.“

Ob ein neues Projekt Erfolg und Auflage verspricht, das sei ihm zunächst gar nicht wichtig, sagt er auf der menschenleeren Promenade des Wyker Südstrands. Und er lässt durchblicken, dass die CD als Medium ihren Zenit wohl überschritten hat. „An die Auflagen von früher komme ich aktuell nicht mehr heran.“ Wenn man ihn selbst länger erzählen lässt, auf einem Inselspaziergang ohne Mitschnitt, kommt einem der gebürtige Soester wie ein privater Forschungsreisender vor, der sich und seinen Hörern seit einem Vierteljahrhundert mit jedem Projekt ein weiteres Wissensgebiet und einen neuen Kosmos erschließt.


Ein Westfale auf Föhr

Einen Wahl-Nordfriesen kann man Klaus Sander nennen, seit er mit seiner Familie 2017 aus Berlin-Charlottenburg nach Föhr umsiedelte. „Seitdem habe ich mein Asthma-Spray nicht mehr gebraucht“, sagt der Verleger. Der großen Stadt mit ihrer lautstarken Wichtigkeit hat er bis heute keine Träne nachgeweint. Dass Föhr nur wenig mehr als 8000 Einwohner hat und Deutschlands größte Insel ohne Damm oder Brücke zum Festland ist, fällt ihm kaum auf. „Es kommen ja jede Woche viele neue Leute her“, sagt Sander mit Blick auf die Touristen, die ihre Sommer- oder auch Winterfrische auf Föhr verbringen.

Die Verlagszentrale (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Jedenfalls in besseren Zeiten. An diesem eisigen Januar-Donnerstag  liegt Wyk auf Föhr im Corona-Winterschlaf. Kein Glühwein, nirgends. Klaus Sander schaut hinaus auf das graue Wattenmeer, am Horizont die Warften von Hallig Langeneß im Abendrot. Kürzlich erschienen ist sein Titel Mit dem Meer leben, drei CDs mit dreieinhalb Stunden Laufzeit. „Karsten Reise erzählt mir meine neue Heimat“, sagt der 52-Jährige. Der emeritierte Professor für Meereskunde leitete lange die Wattenmeerstation auf Sylt.

Noch nicht erschienen, aber schon aufgenommen hat Klaus Sander Interviews mit Insulanern von Amrum. Darin wird man womöglich bald mehr darüber erfahren, was es mit dem Föhr-Amrumer Krankenunterstützungsverein in New York auf sich hat.

Das Wander-Interview auf Föhr mit Klaus Sander endet beiderseits durchgefroren am Fähranleger von Wyk. Die letzte Fähre navigiert in schwarzer Nacht mit Hilfe eines irrlichternden Scheinwerfers durch die flache Fahrrinne gen Dagebüll. Mich hat das Festland wieder, Verleger Klaus Sander bleibt auf Föhr zurück, gereift für die Insel.

Ein Ausschnitt der aktuellen Neuerscheinungen

Webseite: https://suppose.de

Artikelbild: Julius Kriese


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