Kolumne

Frau Lena aus Warasch

50 Kilometer nur sind es von Warasch bis zur belarussischen Grenze, wo weitere abertausende russische Soldaten auf einen Einmarschbefehl warten.
Frau Lena aus Warasch

Vor vier Jahren feierten meine Eltern Goldene Hochzeit. Wir hatten fünfzig mit Helium gefüllte Ballons und Grußkarten mit dem Wind verschickt. Und schon 20 Stunden später war die erste Antwort per Mail gekommen. Aus Polen. Wenige Tage später eine weitere – auch aus Polen. Es herrschte starker Westwind damals. Die Luftpost musste rasant unterwegs gewesen sein. Und dann wurde eine dritte Karte gefunden: „Guten Tag, Frau Inge und Herr Karl! Ich kongratuliere Ihnen zum 50. Hochzeitstag. Ich wunsche Ihnen alles Gute! Sie werden nicht glauben: der Wind hat Ihren Ballon in die Ukraine getragen! Entschuldigen Sie mir bitte für meine deutsche Sprache. Ich habe Deutsch in der Schule und an der Hochschule gelernt, aber nach der Hochschule habe ich nichts mit dieser Sprache gehabt...Leider! Noch einmal wunsche ich Ihnen Gesundheit, Liebe und Gluck! Herzliche Grussen, Frau Lena.“

Frau Lena hatte die Ballonpost beim Pilzesammeln im Wald gefunden. Nicht weit entfernt der 40.000-Einwohner-Stadt Warasch, wo sie lebt, wo sie aufgewachsen ist. In unmittelbarer Nähe eines Atomkraftwerkes. 1100 Kilometer Luftlinie sind es aus dem Süden Schleswig-Holsteins, wo meine Eltern wohnen, in den Westen der Ukraine. Eigentlich gar nicht so fern. Nach Rom oder Madrid ist es weiter.

In den letzten Tagen habe ich oft an Frau Lena gedacht. Sie ist meine einzige persönliche Verbindung in die Ukraine. Sonst kenne ich dort niemanden. Und auch Frau Lena kenne ich ja gar nicht wirklich. Wir haben uns ein paar Mal geschrieben. Doch nun stelle ich mir vor, was dort gerade passiert, auch wenn man sich das eigentlich gar nicht vorstellen kann. Ich weiß nicht, was ein Krieg bedeutet. Ich weiß nicht, wie es den Menschen dort ergeht. Ich weiß nicht, ob Frau Lena überhaupt noch in der Ukraine ist und ob sie noch lebt. 

50 Kilometer nur sind es von Warasch bis zur belarussischen Grenze, wo weitere abertausende russische Soldaten auf einen Einmarschbefehl warten. 1000 Kilometer entfernt von Hamburg. Gleich vor unserer Haustür. Heute werde ich Frau Lena eine Nachricht schreiben. Und dieses Mal möchte ich ihr und ihrer Familie vor allem Gesundheit, Liebe und Glück wünschen.

Weiterlesen