Kolumne

Essen, bitte!

Eine Begegnung in Kaliningrad, der russischen Exklave an der Ostsee.
Essen, bitte!

Jetzt auch schon wieder sieben Jahre her. Doch dieser Tage mir sehr im Gedächtnis wie schon lange nicht mehr: Alla und Vladimir lebten in Lesnoi, ein Dorf im Dazwischen – zwischen lärmender Ostsee und stillem Haff, zwischen hellen Dünen und dunklem Wald. Dort beginnt die Kurische Nehrung, das sichelförmige und an mancher Stelle nur wenige 100 Meter dünne Überbleibsel, das sich wie ein Strich in der Landschaft nach Norden streckt. Diesen natürlichen Damm teilen sich Litauen und Russland. Und gerade Kaliningrad ist vor allem ein Gebiet, wo alles im Dazwischen zu sein scheint. Zwischen Russland und Europa. Zwischen Ost und West. Zwischen wechselvoller Vergangenheit und Gegenwart. Dieser Tage vielleicht mehr denn je.

Und ich hatte an jenem Tag das große Glück, bei Alla und Vladimir zu Gast zu sein. Am späten Vormittag hatte es bereits eine Gemüsesuppe aus Kartoffeln, Weißkohl, Zwiebeln, Dill und saurer Sahne gegeben. Dann Würstchen mit Gurken. Dann Blaubeereis mit Erdbeermarmelade. Dann Tee und Kekse. Und im Anschluss tischte Alla erst so richtig auf. Zunächst kalte Suppe mit Eiern, Lauch, Gurken und Radieschen, angerührt mit saurer Sahne und Kwas. Es folgten mit Hackfleisch gefüllte Paprika. Dann Rosen-Erdbeermarmelade zum Tee. Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit den am Tag zuvor gefangenen und geräucherten Brassen, dazu Weißwein. Dann Erdbeeren mit Quark und Ziegenkäse. Dann wieder Tee und Kekse. Dann Torte. Unter zwei Stücken durfte ich bei Alla nicht raus. „Essen, bitte!“

Und dann, beim dringend benötigten Verdauungsspaziergang am Strand, sagte Vladimir Sätze, die gerade heute besonders nachwirken: „Deutsche und Russen waren mal Freunde, ich meine, politische Freunde. Weißt du, Oliver, wir stehen hier am Strand. Du bist Deutscher und ich bin Russe. Und wir sind vernünftige Menschen und können vernünftig miteinander umgehen. Mit Politik hat das nichts zu tun.“ Und Vladimir fragt sich vor allem, warum die Politik meist so entfernt vom Leben der einfachen Leute stattfindet. Er hat selber eine Antwort gefunden: „Weil die Politik mit dem einfachen Leben nichts zu tun hat.“

Vladimir und Alla (Oliver Lück / Der BUCHT-BOTE)


Oliver Lück ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen.

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