Kolumne

Engel am Wegesrand

Wussten Sie eigentlich, dass einer der Jakobswege auch durch Hamburg verläuft?
Engel am Wegesrand

Via Poppenbüttel in die City, direkt am Michel vorbei und weiter die Elbe entlang in Richtung Stade. Eine Freundin ist gerade zehn Tage diesen Weg bis nach Bremen gelaufen. Und ich fühlte mich an eine Begegnung erinnert, die viele Jahre zurückliegt. In Nordspanien. In der Nähe der Stadt Logroño. 

Maria war eine Stemplerin. Sie saß einfach da und wartete, gab jedem ein „Buen Camino“ mit auf den Weg. Und jedem, der mochte, drückte sie mit allergrößter Sorgfalt einen Stempel in den Pass. Jede Pilgerin und jeder Pilger muss diesen Ausweis mit sich führen und unterwegs immer wieder stempeln lassen, um in Santiago de Compostela die finale Urkunde zu erhalten. „Frankreich, Spanien, Brasilien, Südkorea, Japan, USA, Kanada, Australien, Deutschland“, begann Maria einmal aufzuzählen und machte eine Pause, „wissen Sie was? Menschen aus der ganzen Welt kommen bei mir vorbei.“

Sie hatte das Stempeln von ihrer Mutter übernommen. Und sie erzählte auch, wie das alles anfing, dass ein Priester aus der Stadt in das Haus in den Weinbergen kam und die Mutter um Hilfe bat. Man wollte wissen, wie viele Jakobspilger nach Logroño kamen. Immer wenn sie konnte, sollte sie die Menschen zählen. Denn hier oben, zwei Kilometer vor der Stadt, war alles viel übersichtlicher als unten im Gewirr der Straßen. Da sie nicht lesen und schreiben konnte, zählte sie anders. Sie legte kleine Steine in eine Schale – für jeden Pilger einen Stein. Und am Ende des Tages zählte die Tochter die Steine und notierte eine Zahl.

Jeder durfte sich bei ihr ausruhen und berichten. Die meisten blieben nur kurz, baten um einen Stempel und legten eine kleine Spende in die Jakobsmuschel auf dem Tisch. Andere gingen wortlos vorüber, grüßten nicht mal. Wieder andere standen eine Stunde oder länger bei ihr, redeten ohne Unterlass, als würden sie dafür bezahlt. Und manche setzten sich auf eine der Bänke gegenüber in den Schatten, sprachen kein Wort und begannen zu weinen. „Oft weinte ich mit ihnen“, sagte Maria, „wenn sie sich dann öffneten, ich mir ihre Probleme anhörte, sie von Krankheiten oder der Familie erzählten.“ 

Viele bedankten sich dafür mit einem kurzen Gruß im Gästebuch. „Ein Engel am Wegesrand“, schrieb ein Mann aus Kiel. „Kurz vor dem Lärm der Stadt eine Oase der Ruhe“, eine Frau aus München. „Danke für den Kaffee“, eine Frau aus Kanada. Einmal brach eine Pilgerin vor Erschöpfung vor ihrem Tisch zusammen. Maria rief den Notarzt. Vor vielen Jahren war das. Doch noch heute schreibt die Frau aus Winterhude jedes Jahr eine Grußkarte.

Oliver Lück, 49, ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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