Von Bucht zu Bucht

Endlich unmaskiert

Marie Medow, 39, gehört zur deutschen Minderheit in Tondern. Der Bucht-Bote wollte mal wissen, wie sie die Aufhebung fast aller Corona-Regeln in Dänemark erlebte.
Endlich unmaskiert

Hallo Marie, tanzt ihr in Tondern seit dem 1. Februar alle auf den Straßen, weil die Corona-Beschränkungen gefallen sind? 

Marie Medow: Nein, hier in Tondern gibt’s keine großen Feiern. Ja, die Regeln sind hier in Dänemark aufgehoben, aber Corona ist ja nicht weg und viele sind einfach noch vorsichtig. Die ausgelassenen Partys gab es eher in den größeren Städten, wo auch viele Studenten leben. Am 1. Februar wurde das Ende der Regeln auch morgens im Radio diskutiert und natürlich freuen sich viele über das Signal der Regierung, aber es gibt durchaus auch Supermärkte, die bitten ihre Kunden, weiterhin Maske zu tragen, um die Mitarbeiter zu schützen und auch so sieht man hier Menschen die weiterhin Maske tragen in größeren Menschenansammlungen. Ich denke die Mehrheit der Dänen hat den Grund der Corona-Regeln erkannt und verinnerlicht.

Aber wir hier südlich der Grenze schauen schon ziemlich neidisch nach Norden. Und der dänische Befreiungsschlag setzt natürlich auch die Kieler Landesregierung unter Druck. 

Marie Medow: Ich habe das Gefühl, dass die Leute hier in der Marsch an den Beschränkungen nicht so schwer getragen haben. Das hängt natürlich auch stark von der jeweiligen Familien- oder Lebenssituation ab, aber hier hat zumindest fast jeder einen Garten oder zumindest einen Balkon und man ist schnell draußen und nicht so eingesperrt – das ist ja in den Großstädten wie Kopenhagen oder Aarhus anders.

Einkaufsbummel in Tondern: Nass und grau und trotzdem ein Hauch von Freiheit in der Luft.

In Dänemark ist die 7-Tage-Inzidenz höher als in Deutschland. Warum könnt ihr aufmachen, wir aber nicht?

Marie Medow: Hier sind fast alle über 60 geboostert, das nimmt Druck von den Intensivstationen. Und ich bin mir recht sicher, dass es hier fast keine Dunkelziffer gibt. Die Anzahl der durchgeführten und dann im System registrierten PCR-Test ist hier ja viel höher als in Deutschland. Und die meisten haben schon auch noch im Hinterkopf: Es ist noch nicht vorbei. Dank Omikron ist uns Corona auch hier in Dänemark gerade so nahe wie noch nie. Momentan sind viele krank. Schon etwas paradox gerade.

Du leitest die Deutsche Bücherei in Tondern, die gleich neben der deutschen Schule liegt. Das heißt, du musst jetzt bei der Arbeit ab sofort auch keine Maske mehr tragen.

Marie Medow: Genau, und das ist schon auch sehr schön und entspannt! Aber vereinzelt kommen noch welche, die lieber die Maske aufbehalten. Und obwohl ich mir in den Pandemiejahren vermutlich keine Eifrigkeitsmedaille in Sachen Maskendisziplin verdient habe: Wenn ein Besucher der Bücherei mich bittet, eine Maske aufzusetzen, dann tue ich das auch. 

Aber es gibt bei euch nun alle Freiheiten: Lesungen, Sportveranstaltungen, Konzerte, Partys mit vielen maskenlosen und ungetesteten Besuchern durchzuführen. Ist das nicht geradezu großartig?

Marie Medow: Ja, und es ist auch schön wieder einfach drauf losplanen zu können, ohne schauen zu müssen, ab wann und unter welchen Bedingungen dieses oder jenes möglich ist. Aber viele, gerade aus den Risikogruppen sind noch sehr verhalten und scheuen sich auch etwas mit zu vielen Leuten in einem Raum zu sitzen. Das führt auch im Moment noch dazu, dass auch manche der in den nächsten Wochen geplanten Veranstaltungen doch wieder abgesagt oder in den Sommer verschoben werden. 

Marie, wie viel an dir ist eigentlich dänisch, und wie viel deutsch?

Marie Medow: Gebürtig stamme ich aus Berlin, bin aber in Hamburg aufgewachsen. Seit Anfang 2018 lebe und arbeite ich in Tondern. Ich bin also gar nicht besonders dänisch und auch erst seit vier Jahren hier – und die halbe Zeit davon unter Corona-Bedingungen. Unglaublich! Aber es war oder ist auch eine spannende Zeit, weil man in ‚Krisenzeiten‘ Menschen und Gesellschaften ja noch einmal besser kennenlernt und ich durch das Leben hier und das Lesen hiesiger Nachrichten auch immer zwei Perspektiven hatte, wenn auch nicht vollkommen Gegensätzliche. Im Großen und Ganzen ist weder hier alles gut, noch in Deutschland alles nur schlecht gelaufen. Aber auch ich mag durchaus die viel gerühmte Gelassenheit, den Pragmatismus Dinge, die man nicht ändern kann, erstmal anzunehmen, Lösungen zu finden. Den hier viel gehörten Satz: Ach, uns geht es hier doch gut! Und was mir hier in der Kommunikation der Regierung in Bezug auf Corona sehr zugesagt hat ist, dass sie sich fast nie zu Versprechungen hat hinreißen lassen und auch jetzt die Öffnung ist ein Versuch und wenn, zum Beispiel im Herbst neue Regeln nötig werden, werden sie wohl auch kommen. Aber das sehen wir dann.

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