Kolumne

Einmal hin, alles drin

Auto um Auto. Zahn um Zahn.
Einmal hin, alles drin

Neulich, es war ein Samstagvormittag, bin ich mit dem Auto zum Einkaufen gefahren. Und bereits der Weg dorthin wurde zu einem ganz besonderen Erlebnis. Denn schon nach wenigen Minuten ging es um nicht weniger, als ums Überleben im Straßenkampf. Auto um Auto. Zahn um Zahn. Das wurde mir schnell klar: Ich sah schimpfende Autofahrer und Beinah-Unfälle. Ich sah wutrote Gesichter im Rückspiegel. Ich konnte sie wirklich gut erkennen, da sie sehr dicht hinter mir waren: Aus ruhigen, besonnenen Menschen wurden hupende, keifende Monster, die schon bei Tempo 50 kaum noch atmen konnten, so als drücke ihnen die Geschwindigkeitsbegrenzung die Luft ab. Dabei hatten wir doch Wochenende.

Ganz nebenbei: Wer wissen will, wieviel Humor wir Deutschen wirklich vertragen, der braucht sich bloß in ein Auto setzen – vor allem bei uns, im Hamburger Speckgürtel, ist das natürlich nicht anders. Das Gefühl, Recht zu haben und sich im Verkehr über die Fehler anderer aufregen zu müssen, ist nämlich ein typisch deutsches Verhalten. Und würden die Aggressionen, die hinter dem Steuer entstehen, als Treibstoff taugen: Die Tanks der Deutschen wären immer voll.

Zurück zum Einkauf: Ich hatte mein Ziel fast erreicht. Zunächst aber noch an Lidl, Media Markt, Getränke Hoffmann, Budni, Aldi, dem Futterhaus, dm, Schweinske und Denn‘s vorbei. Dann Penny, Hess Schuhe, dem MEGAZOO, dem Dänischen Bettenlager, Rossmann und McDonalds in Sichtweite. Als ich auf dem real-Parkplatz ankam, schrie gerade eine Frau in einem Audi durch das geöffnete Fenster einen Mann in einem Volvo an. Es ging um einen Parkplatz, den beide wollten – das glaubte ich zumindest, verstanden zu haben. Viel zu viele Autos. Viel zu viele Menschen. Viel zu viele verbissene Besserwisser. Der absolute Parkinfarkt. Von allem immer mehr. Und alle überfordert.

Im real dann hundert Sorten Joghurt und Kühltruhen soweit das Auge reichte. Ein Suppenhuhn für 1,99 Euro. Einmal hin, alles drin. Gedrängel und Gequengel gab’s gratis. Dazu ungeduldige und teils böse blickende Menschen mit riesigen Einkaufskörben in endlosen Schlangen an den Kassen. „Sammeln Sie Treuepunkte?“

Wieder draußen schaltete ich das Autoradio ein. Und dort lief – Gott sei Dank, es gibt auch noch feinsinnigen Humor in Deutschland – die Hamburger Band Deichkind und lieferte den passenden Soundtrack zu diesem samstäglichen und regelmäßig wiederkehrenden Albtraum namens Einkauf: „Wir trinken lieber trocken, anstatt trocken zu feiern, wir geben ihrer Zukunft ein Zuhaus`. Es läuft und läuft und läuft und läuft, wir sind immer eine Idee voraus. Connecting people, born to perform. Dafür stehen wir mit unserem Namen. Klinisch getestet, sie baden gerade ihre Hände drin. Jetzt klappt’s auch mit dem Nachbarn. Wir begleiten dich ein Leben lang, immer volles Programm. Wir woll’n nur an dein Geld ran, war schon immer so, frag mal deine Eltern…“

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