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DREI BIER MIT: Toni Köppen, Bürgermeister-Kandidat für Bad Segeberg

Wir haben 3 Bier mit Toni Köppen getrunken und versucht ihm Geheimnisse zu entlocken.
DREI BIER MIT: Toni Köppen, Bürgermeister-Kandidat für Bad Segeberg

Ist Bad Segeberg bereit für einen jungen und dynamischen Bürgermeister? Toni Köppen ist ca. 30 Jahre jünger als der amtierende Bürgermeister und er will etwas bewegen. In kürzester Zeit konnte er in Bad Segeberg durch einen gelungenen Wahlkampf einen hohen Bekanntheitsgrad erlangen. Am kommenden Sonntag, dem 22. November, haben die Bürgerinnen und Bürger in einer Stichwahl die Möglichkeit ihn direkt zum neuen Bürgermeister zu wählen.

Toni Köppen ist der erste Teilnehmer in der neuen Interviewreihe des BUCHT-BOTEN – „Drei Bier mit…“. Obwohl er eigentlich eingeladen war, hat Herr Köppen vorsorglich ein Sixpack Flensburger Pilsener mitgebracht.
Wir gehen gleich zum Du über und es herrscht eine lockere, sympathische Atmosphäre.


Aber wer ist dieser Toni Köppen wirklich und was bewegt ihn? Der BUCHT-BOTE hat versucht bis auf den Grund des Sees zu blicken.

Die Wahrheit liegt im Bier: In Cervisio Veritas!



Vielen Dank, ich freu mich, dass du da bist. Du möchtest Bürgermeister werden und am kommenden Sonntag die Stichwahl gewinnen. Da musst du jetzt natürlich aufpassen, was du heute hier sagst… Prost!

(Es ploppt ziemlich laut…)

Toni Köppen: Ich denke mal, dass wir das nicht so machen wie Herr Trump… Obwohl ich durchaus Sympathie dafür hätte: Aus Spaß an der Freude einfach mal meinen Sieg vorzeitig erklären. Aber das wäre vielleicht nicht ganz so ganz passend. Noch nicht…

Noch nicht…
Du wohnst in Seekamp. Aber nicht auf dem Campingplatz – neben dem Campingplatz?

Toni Köppen: Nein, nicht auf dem Campingplatz. Wobei ich durchaus Leidenschaft fürs Campen habe. Ich bin selbst mit der Familie gerne unterwegs. Bis vor drei Jahren noch mit dem Zelt, aber dann haben wir festgestellt, dass wir doch älter werden und das alles nicht mehr so bequem ist. Also sind wir dann auf’s Wohnmobil umgestiegen.
Mit der ganzen Familie, inklusive Hund, geht es immer los.

Ich wohne neben dem Campingplatz in einem Mehrgenerationenhaus – im „Urhaus“ meiner Frau, welches von den Großeltern dann auf die Eltern und nun auf deren Kinder übertragen wurde. Dort wohne ich mit meinen Schwiegereltern gemeinsam unter einem Dach.

Du bist vor 20 Jahren hierhergekommen. Damals warst du 18.

Toni Köppen: Ich bin Ende 1999 nach Schleswig-Holstein gekommen – der Arbeit wegen, denn die Arbeitsmöglichkeiten waren in der damaligen Zeit in Mecklenburg nicht berauschend. Wenn man Glück hatte, ist man damals irgendwo „auf den Bau“ gegangen. Das wollte ich aber nie. Ich habe damals tatsächlich mit einer Verwaltungsfachangestelltenausbildung geliebäugelt, aber ich hatte mich dann für den Groß- und Außenhandelskaufmann entschieden. Ich arbeite heute tatsächlich noch in meinem damaligen Lehrbetrieb (auch wenn ich zwischendurch auch noch andere Stationen hatte).

Das hat Konstanz! Das ist nicht mehr allzu gewöhnlich in der heutigen Zeit.

Toni Köppen: Wenn ich etwas mache, dann mach ich das eigentlich immer sehr gerne und sehr lange.

Kannst du dich noch erinnern, wann du das erste Mal in Bad Segeberg warst?

Toni Köppen: Das war während meiner Bundeswehrzeit. Ich war damals in Eutin stationiert und habe meine heutige Frau kennengelernt. Ich bin quasi aus der Kaserne direkt nach Seekamp gezogen und dort hängen geblieben. Seitdem war natürlich Bad Segeberg, zumindest was das Private angeht (von Kino bis Einkaufsmöglichkeiten), mein Mittelpunkt.

Also hast du auch deine Jugend, oder zumindest das Ende deiner Jugend,  in Bad Segeberg verbracht?

Toni Köppen: Ja, wobei ich damals ja schon Anfang 20 war. So mit 20 hatte ich in etwa mit der Jugend abgeschlossen und ich hatte dann ja auch früh geheiratet (2006). Kurz danach kam auch das erste Kind, die „große Tochter“ (sie wird nächste Woche 13 Jahre alt). Da wird man dann zwangsweise erwachsen.

Zwangsweise erwachsen… bei Instagram hast du ein Bild gepostet: Du sitzt zu Hause an deinem Arbeitsplatz vor vielen Monitoren und auf einem schicken Gaming-Chair… zockst du auch ab und zu?

Toni Köppen: Ähm… jein. Tatsächlich wenn dann nicht am PC, maximal vielleicht mal auf dem Handy. Ich habe mir den Stuhl aus praktischen Gründen geholt, da er hat eine ganz entspannte Liegeposition hat und Testsieger war.

Also er wird nicht zum Spielen genutzt. Es ist ja am Tag auch nicht viel Zeit: Das heißt ich habe maximal, wenn ich abends auf der Couch sitze, mal eine halbe Stunde Zeit zum Spielen.

24 Stunden hat der Tag maximal… du kommst auch gar nicht zum Trinken. Lass uns kurz Pause machen…

Ich habe gelesen: Du machst Extremhindernislauf. Was ist das genau?  

Toni Köppen: Das muss man sich so vorstellen: Man geht 20 Kilometer laufen, aber nicht auf der glatten Straße, sondern durch Dreck, Matsch und Modder, mit Hindernisse, oben rüber, unten durch, mit Hangeln, mit Klettern, mit Strom, mit Eiswasser, also ein richtig schöner Parkour für jung gebliebene um sich mal richtig auszutoben und auch mal richtig „die Sau raus zu lassen“.

Ich brauch ein bisschen Action beim Laufen und der Teamgedanke ist das, was das Ganze auszeichnet.  

Wo ist da der Teamgedanke?

Ich habe jetzt zum sechsten Mal bei XLETIX teilgenommen (Die XLETIX Challenge ist der größte Extremhindernislauf in Deutschland). Dort starten viele als Team gemeinsam, und selbst wenn man ohne Gruppe startet: Es hilft jeder jedem und jeder passt auf den anderen auf. Es herrscht ein sehr starkes Teamgefühl, auch unter gänzlich unbekannten Menschen.

Hast du einen Lieblingsplatz in Bad Segeberg?

Es gibt sehr viele schöne Ecken in Bad Segeberg, die wir auch mit der Familie gern genießen. Natürlich der Kalkberg, auch wenn es da drumherum optisch teilweise nicht so schön ist. Es ist teilweise verdreckt und „müllig“, je nachdem wann man kommt und wann gereinigt wurde. Und auch die Baum- und Strauchpflege ist optimierungsbedürftig. Ich glaube man kann den Kalkberg auch touristisch noch ganz anders nutzen…

Da gab es ja schon früher Ideen: Zum Beispiel der Goldfischteich in den Kalkberghöhlen…

Zum Beispiel eine schöne Glasfläche obendrauf…

Dort wo jetzt das Metallgeländer ist und der Brunnenschacht: Eine Glasebene so wie im Grand Canyon – frei begehbar, sodass man dort Hochzeiten feiern kann.

Ich würde selbst nicht rauf gehen, ich habe nämlich Höhenangst bei solchen Geschichten. Als Bürgermeister wäre ich aber zumindest bei der Eiweihung trotzdem dabei.
Ich glaube so etwas wäre ein großer Magnet für Touristen, aber auch für Einheimische.

Mit meinen beiden Töchtern bin ich mehrmals im Jahr auf der Rennkoppel, dem Landesturnierplatz, denn beide sind begeisterte Reitermädels.

Aber auch sonst: Ihlwald, Ihlsee, … oder hier die Kalkberg Kaffee Rösterei.

Du bist vor 8 Jahren in die Politik gegangen, weil du unzufrieden warst. Was genau hat dich dazu veranlasst?
Gab es ein besonderes Erlebnis, einen Turning-Point, einen Moment, als du dir gesagt hast: „jetzt reicht’s?

Toni Köppen: Ja. Zu dieser Zeit war in Bad Segeberg der Jugendschutzfall mit dem „Kellerkind“ präsent. Das war zu der Zeit ein großes Thema. Und das war ein Stückweit, nicht die Initialzündung, oder besser der letzte Funke, der dann dazu geführt hat, dass ich gesagt habe: Ich will jetzt selbst an Veränderungen mitwirken. Ich bin auch in die Politik gegangen, weil ich für meine Kinder das Lebensumfeld verbessern wollte. Nur meckern allein bringt nichts. Wenn, dann muss man selbst versuchen an Veränderungen mit zu wirken und das wollte ich tun und das zu 100 Prozent.

Bürgermeister oder Verwaltungsmeister?
Ich habe das Gefühl du hast gewisse Werte und eine gewisse Vision für Bad Segeberg.

Toni Köppen: Was mich immer gestört hat, ist engstirniges, parteipolitisches Denken. In der einen Partei muss man konservativ sein, ist man in der anderen Partei ist man sozial eingestellt oder es geht vielleicht in gewisse Extreme. Das habe ich für mich nie gesehen. Ganz unabhängig davon stand für mich immer die Frage im Raum: Was ist das Beste für die Menschen?
Das kann natürlich eine soziale Komponente haben, aber das kann auch eine konservative Komponente haben.
Maßstab für mich sind immer die Menschen – aktuell als Kreispolitiker natürlich mit Blick auf die Menschen im gesamten Kreis Segeberg –Bad Segeberg miteingeschlossen.
Das Amt des Bürgermeisters ist natürlich vermeintlich ein Verwaltungsamt. Aber nach meinem Verständnis ist es noch ein bisschen mehr. Natürlich ist in der Gemeindeordnung ganz klar festgelegt, was die Aufgaben des Bürgermeisters sind und nach welchen rechtlichen Vorgaben er zu handeln hat. Aber unabhängig davon bin ich schon der Meinung, dass dies nicht ausschließt, dass ich auch eine durchaus politische Meinung haben darf und eigene Ideen, wie ich mir etwas vorstelle und wünsche.
Und selbst wenn es nicht Teil der bezahlten Aufgabe ist, finde ich dass es Bestandteil einer Selbstverpflichtung ist. Bürgermeister wie man das im Ehrenamt kennt. Es ist zwar ein hauptamtlicher Bürgermeister, der eigentlich der Chef einer Verwaltung ist, aber: Der Bürgermeister sollte, aus meiner Sicht, und so verstehe ich es auch, das offene Ohr bei den Bürgerinnen und Bürgern haben. Das heißt: Er sollte sichtbar sein, er sollte greifbar sein. Nicht nur irgendwo in seinem fernen Büro im Rathaus sitzen, sondern die Nähe zur Stadt suchen um zu wissen: Was bewegt die Leute eigentlich? Wo brennt der Schuh? Wo drückt es?
Sowohl bei den Leuten, die hier wohnen als auch beim Personal. So ein Amt von oben geführt, das kann man zwar machen, aber da fehlt dann vielleicht ein Stück weit das Gespür dafür, was die Mitarbeiter bewegt und wo denen der Schuh drückt. Man ist natürlich auch dafür verantwortlich, dass das Arbeitsklima gut ist. Zufriedene Mitarbeiter arbeiten natürlich ganz anders als unzufriedene. Das kenne ich auch von mir selbst.

Mir geht es persönlich sehr gut in dieser Gesellschaft und ich möchte der Gesellschaft ein Stück weit gerne etwas zurückgeben.

Ich möchte mich mit meiner Kraft und meiner Energie einbringen, so dass es anderen genauso gut geht wie mir und uns allen besser. Und es macht mir Spaß. Ich habe über die Jahre Spaß an der Politik gewonnen und Spaß in der Arbeit mit der Verwaltung. Auch wenn die Verwaltung das vielleicht manchmal anders sieht und das für sie manchmal vielleicht kein Spaß ist, wenn wieder der „böse“ Politiker Toni Köppen kommt und komische Fragen stellt. Aber im Großen und Ganzen genieße ich doch dieses politische Ehrenamt sehr und das macht für mich diesen Job Bürgermeister so reizvoll.

Kurze Trinkpause… Funktioniert das Aufnahmegerät?

Toni Köppen: Sonst fangen wir von vorne an.

(Lacht)

Wobei das inhaltlich abweichen könnte…, das hier ist nicht einstudiert.


Könntest du dir vorstellen in einer anderen Stadt als Bad Segeberg Bürgermeister zu sein?

Toni Köppen: Nein, tatsächlich nicht.
Es gibt ja Menschen, die den Job des Bürgermeisters als Job verfolgen – wie auch der derzeitige Bürgermeister. Er ist 30 Jahre Bürgermeister in Gettorf gewesen und anschließend Bürgermeister in einer anderen Stadt.

Das möchte ich aber nicht. Woanders Bürgermeister sein kann ich mir nicht vorstellen, da ich mich hier in Bad Segeberg sehr wohl fühle und es als mein zu Hause betrachte. Und von zu Hause möchte man in der Regel nicht weg.

Jetzt wird es noch etwas heikler…

Meine Mutter ist pensionierte Beamtin und durchaus ein sicherheitsliebender und nicht gerade risikofreudiger Mensch. Aber selbst sie sagt: Bad Segeberg ist eine piefige Beamtenstadt.

Siehst du das auch so?

Toni Köppen: Ob ich das jetzt so sagen würde, weiß ich nicht. Aber Bad Segeberg ist mit Sicherheit eine sehr „in die Reife“ gekommene Stadt.

Wir haben hier sehr viele ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger und die sind natürlich, was die Art des Lebens angeht anders als junge Familien. Da sind natürlich Generationen dazwischen die anders leben mussten und andere Zeiten erlebt haben als die jungen Menschen heute, oder auch als ich. Und dadurch hat man vielleicht auch andere Ansichten. Deswegen mag manches vielleicht auf den einen oder anderen als „verstaubte Beamtenstadt“ wirken.
Aber das hat tatsächlich auch Chancen und alles, was man negativ sehen kann, kann man auch positiv sehen!

Ich glaube, dass die Stadt in den zukünftigen Jahren eine Veränderung durchmachen wird. Es werden wieder neue Familien kommen und alles ist im Wandel. Aber es gibt sicherlich die eine oder andere Ecke, die ein bisschen verstaubt ist…

Ja in Hamburg zum Beispiel gibt es auch ältere Leute. Aber es gibt auch mehr jüngere Leute und mehr junge Kultur. Lässt man sich dort mehr drauf ein?

Eigentlich haben wir ja hier in Bad Segeberg die Nähe zur Großstadt. In 50 Minuten ist man in Hamburg. So schnell bin ich innerhalb Hamburgs nicht von Wilhelmsburg nach Altona gefahren. Bad Segeberg hat eine gewisse eigene Kulturlandschaft – vielleicht auch mehr als zum Beispiel Bad Oldesloe oder andere Städte, die noch mehr „im Sog Hamburgs stehen.

Oder hat sich in Bad Segeberg vielleicht sogar auch eine Art Gegenpol etabliert? Hat man Angst vor der Veränderung?

Toni Köppen: Neue Dinge sind ja immer erstmal ungewohnt und vielleicht unbequem.  Ob das jetzt zum Beispiel so ein neuer Bürgermeister ist…

Der derzeitige Bürgermeister ist locker 30 Jahre älter als ich. Das vermittelt ja eine vermeintliche Sicherheit. „Man kennt den…“, man weiß vielleicht, wie er tickt und jetzt komme ich als 30 Jahre jüngerer – quasi aus dem nichts.

Wer ein bisschen Kreispolitik verfolgt hat, der hatte mich im Blick. Aber in der Stadt selbst kannte man mich bisher kaum und dann steche ich auf einmal hervor und sage ganz verrückte Dinge wie: Ich möchte Veränderung. Ich möchte, dass eine Verwaltung ein Stück weit anders arbeitet. Ich möchte die Stadt ein bisschen zukunftsausgerichtet aufstellen – moderner machen. Das heißt: Auch mal über den Tellerrand hinausdenken…

Nicht nur zu denken: Was bewegt uns dieses Jahr und wie schaut es nächstes Jahr aus, sondern vielleicht auch mal 10 Jahre weiterdenken: Wo wollen wir in 10 Jahren stehen? Wie können wir uns eine Stadt in 10 Jahren vorstellen? Wie leben wir dann eigentlich in 10 Jahren? Wie ist der Verkehr in 10 Jahren?

Die Verwaltung und auch so ein Bürgermeister und Politiker im Allgemeinen haben oft das Problem, dass sie in nur Wahlperioden denken. Das finde ich immer sehr schade, weil viele Themen (auch zum Beispiel die, die ich angesprochen habe – da darf man sich nichts vormachen) sind keine Themen, die man in 6 Jahren umsetzen wird. Das sind Projekte, die langfristig wachsen müssen. Da müssen die finanziellen Mittel für da sein und das wird vielleicht auch mal 10 oder 12 Jahre dauern. Aber man muss heute schonmal den Grundstein legen und man muss offen dafür sein.

Ich find das immer ganz fatal, wenn eine neue Idee eingebracht wird und wer auch immer diese aufgebracht hat:

„Es wird immer gleich alles im Keim erstickt; in der Luft zerrissen, weil man sagt: Das geht überhaupt nicht, wer soll das bezahlen? Und was sagen die Naturschutzverbände?“

Dass man diesen kreativen Reifungsprozess oft schon von vornherein unterbinden will, das finde ich so schade. Ich glaube da können super Ideen bei rauskommen, die für die Stadt ganz großartig sind und auch für die Menschen.
Ich denke die Zukunft geht in diese Richtung und da müssen wir uns drauf einstellen. Wir reden heute zum Beispiel von Dingen wie Telemedizin. Das heißt auch da muss die ältere Generation offen für sein, da wir die Ärztestrukturen nicht mehr haben werden, die wir heute noch vorfinden.

Man muss ein Stück weit bereit sein sich auf neue Dinge einzulassen und offen sein.


Die Kalberg Oase hier nebenan ist, finde ich zumindest, eine tolle Sache; aber leider auch eine „Oase. Eine Freundin von mir wohnt in Tønder, kurz hinter der dänischen Grenze. Dort gibt es jährlich das Tønder Music Festival und es gibt dort auch eine von einem Verein getragene Kneipe mit Veranstaltungen und Konzerten. Und was ich so schön finde: Dort feiern alle gemeinsam, von Kindern bis ältere über 80 Jahren und alle haben eine gemeinsame Kultur und einen ähnlichen Stil und sind eine Gemeinschaft.

Würdest du dir sowas für Bad Segeberg mehr wünschen ?

Toni Köppen: Ich glaube die einzelnen Stadteile haben teilweise schon ein Gemeinschaftsgefühl und eine gemeinsame Kultur. Aber ich glaube es braucht viel mehr von diesen Begegnungsräumen. Zum Beispiel hier die Oase.

Ich glaube, dass die Stadt ein Stück weit ein neues Identitätsgefühl bekommen muss. Das kann auch dadurch entstehen, dass man gemeinsame Feste und Veranstaltungen hat oder auch gemeinsame Aktionen.

Zum Beispiel, dass man sagt: „Passt mal auf hier morgen ist Sauberkeitstag Bad Segeberg“ und da gehen alle gemeinsam auf die Straße und befreien die Stadt von Müll und Unrat. Das gibt’s vereinzelnd ja schon, aber nicht so gebündelt.

„Ich glaube uns fehlt ein bisschen eine neue Identität: Was zeichnet uns eigentlich aus als Bad Segebergerinnen und Bad Segeberger?“

Ich bin ein Freund davon Dinge einfach mal auszuprobieren, zum Beispiel Wohnprojekte.  Steckt doch einmal Alt und Jung zusammen in eine Wohnung, lasst die Jungen günstiger wohnen, wenn sie die Älteren mit betreuen, oder macht irgendwo an zentraler Stelle ein Haus der Begegnungen, wo wir Menschen mit Beeinträchtigung mit gesunden Menschen zusammen bringen: Gemeinsam wohnen, Essen, Kochen – also wirklich mal neue Dinge ausprobieren, die woanders auch schon gut funktionieren. Es gibt ja Städte, da gibt es all solche Dinge und da klappen sie wunderbar und ich glaube, dass solche Dinge auch in Bad Segeberg  sehr gut funktionieren können – man muss es nur einmal machen.

Also mehr Gemeinschaft, mehr WIR-Gefühl. Wenn das nicht da ist, wird es natürlich erst recht schwer die Jugendlichen zu verstehen. Vor 20 Jahren war ich hier Jugendlicher. Damals gab es auch schon „nichts“. Damals war das Thema Skatepark auch schon aktuell. Woran scheitert sowas konkret? Hier gibt es so viele Frei- und Betonflächen.
Das kann doch nicht so schwer sein dort zumindest eine Miniramp hinzustellen für ’nen „Tausender“?


Toni Köppen: Also es scheitert, oder ist an Gutachten gescheitert – wie das so schön bei uns in Deutschland ist. Das heißt, wir haben da ein Lärmgutachten gehabt, welches gesagt hat: An dem Standtort nicht, …da auch nicht. Dann würde ein Standort gehen, aber dann haben sich andere wieder beschwert und beklagt.

Da kommen wir wieder an den Kern der Frage und müssen sagen: Vielleicht sind wir nicht offen für solche Dinge.

Wenn wir Spielplätze zeitlich reglementieren müssen und sagen müssen da dürfen am Sonntag keine Kinder spielen, und wenn dann nur von 14:00 bis 17:00 Uhr und dann auch nur bis maximal 14 Jahren, dann sind wir in einer ganz verrückten Zeit angekommen in der ich nicht sein möchte.

„Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, dass wir eigentlich nur noch über Verbote agieren, und Dinge einschränken oder sagen: Die stören uns – die sind uns zu laut … “

Das sind alles Dinge, die kannte ich als Kind nicht. Da hat sich niemand beschwert wenn Kinder mal zu laut gespielt haben. Ich weiß nicht, ob das Verständnis ein anderes gewesen war. Ich bin ja auch in einer Kleinstadt aufgewachsen, die von der Größe mit Bad Segeberg vergleichbar ist. Da wurde auch mal gefeiert und da wurde Party gemacht, da hat man sich in Gruppen getroffen und so etwas war nie „ein Thema“.

Hier in der Stadt ist es ja so: Jugendliche haben kaum noch etwas.

Die Jugendlichen, das sind ja nicht nur die „Vorzeigejugendlichen“, die sich irgendwo engagieren, sondern es sind auch die „coolen Jungs“. Brauchen die von Politikern geschaffene Konzepte oder brauchen die einfach Freiräume, wo sie ein bisschen „ihr eigenes Ding“ machen können?

Toni Köppen: Ich glaube man braucht eine gute Durchmischung aus allem. Das heißt man braucht die Räume, wo sie sich frei entfalten können ohne behördliche Kontrolle oder Kontrolle von Erwachsenen. Der Ansatz von dem HaK damals, also ein selbstverwaltetes Zentrum, ging ja in die richtige Richtung.

„Als man damals merkte, dass die Jugendlichen vielleicht Unterstützung brauchen, hätte man sagen müssen: Mensch, wie können wir euch helfen? Ich glaube dann hätte das auch funktionieren können.“

Bei den Jugendlichen gibt es unterschiedlichste Altersgruppen, Charaktere und Interessen und deswegen glaub ich, dass man nicht nur die eine Sache schaffen kann, die für alle gut ist. Man muss verschiedene Angebote schaffen. Man muss für die Sportbegeisterten vielleicht eine Skaterbahn schaffen, für die Fußballbegeisterten einen Fußballplatz haben, wo sie trainieren können, man muss die Schwimmhalle haben, das Kino…, und vielleicht eine Möglichkeit (auch wenn es nur einmal im Monat ist), wo Jugendliche mal Tanzen und Feiern gehen können.

Wir brauchen ein Stück weit eine kleine Kneipenkultur – was die Stadt ja auch teilweise schon hat. Das muss lebendig gehalten werden. Wir brauchen solche Orte wie die Oase, wo auch die Jugendlichen mal die Chance bekommen selbst Musik zu machen. Das Potential, was die Stadt hat, muss dann auch gefördert werden. Die Stadt muss Räume haben, wo die Jugendlichen sich musikalisch austesten können, oder künstlerisch oder sportlich…

Alles, was man als junger Mensch macht: Man testet sehr viel aus, man erprobt sich, um für sich den richtigen Weg zu finden und auf dem muss man dann auch unterstützen und die Jugendarbeit zielgerichtet ausrichtet.

Das kann natürlich nicht funktionieren, wenn ich meine Mitarbeiter im Rahmen der normalen Öffnungszeiten eines Rathauses arbeiten lasse, denn Jugendarbeit findet in der Regel nach 15:00 Uhr statt.

Deswegen glaube ich persönlich, dass das ganze Thema Jugendarbeit, auch personell gesehen, aus der Stadt ausgeklammert werden sollte.
Ich würde das ganze aus dem behördlichen Bereich herausnehmen und diese Aufgabe an den JVKA (Verein für Jugend- und Kulturarbeit im Kreis Segeberg e.V.) übergeben wollen. Das müsste man natürlich alles nochmal politisch diskutieren…

Der Kreis hat es auch so gemacht und ihre Jugendarbeit an die JVKA übertragen. Die JVKA macht ganz viele großartige Sachen: Die Kreis Musikschule hängt da mit dran, die Segeberger Kulturtage werde von dort organisiert. Die machen wirklich gute Dinge und können als Verein viel einfacher agieren als das eine Behörde tut.

Wenn man das ganze personell unterfüttern würde, wäre da noch viel mehr möglich…

Was wünschst du dir für die Zukunft deiner Kinder in Bad Segeberg?

Bad Segeberg sollte für die Zukunft aufgestellt sein, mit allem was dazu gehört: Mit KiTa, mit Schule, mit Infrastruktur, mit Verkehr, mit Freizeitangeboten, mit Einkaufsmöglichkeiten, so dass meine Kinder gar keine Lust haben irgendwo anders sein zu wollen. Denn mein Ziel ist es natürlich meine Kinder, um mich zu haben und um mich zu behalten. Das heißt: Sie sollen hier die Möglichkeit haben eine Ausbildung zu machen, sollen hier die Möglichkeit haben in der Nähe zu studieren – vielleicht sogar in der stadteigenen Fachhochschule, die wir dann vielleicht in 2 bis 3 Jahren haben werden.

Mein Ziel als Familienvater ist es natürlich die Familie, um mich zu behalten und das funktioniert nur, wenn dafür die Struktur in der Stadt und im Umfeld vorhanden ist. Da muss man die ganze Region betrachten und nicht nur das reine Stadtgebiet.

„Ich wünsche mir, dass meine Kinder in einer Region aufwachsen, in der alles vorhanden ist, was man sich vorstellen kann: Kultur, sportliche Angebote, gastronomische Angebote – eben all das, was eine lebendige Stadt auszeichnet.“


Das Interview wurde geführt von Gerrit Hußmann, Hrsg. des BUCHT-BOTEN.

(Nachtrag: Toni Köppen wurde mit großer Mehrheit zum Bürgermeister gewählt und wird für 6 Jahre Bürgermeister von Bad Segeberg sein.)


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