Von Bucht zu Bucht

Die Luft ist rein

Ostseeküstenradweg: Jede Menge Steilufer, Backsteingotik, Fischbrötchen und Meeraroma.
Die Luft ist rein

Über 1000 Kilometer misst der Ostseeküstenradweg, aber es gibt diverse Abkürzungen zwischen der dänischen und der polnischen Grenze. Und jede Menge Steilufer, Backsteingotik, Fischbrötchen und Meeraroma.

Man tritt in die Pedale, und sofort steigt einem der Geruch der Ostsee in die Nase. Weniger würzig als die salzige Nordsee, eher mit einer Note Tang und Algen, besonders an den Boddengewässern. Wer noch mit einem altmodischen Muskelfahrrad unterwegs ist, sollte die Richtungswahl sorgfältig treffen: Statistisch überwiegen an der Küste Westwinde, gern böig oder auch mal steif. Das lässt eine Richtungswahl gen Osten (ohne Gewähr!) angeraten erscheinen.

Los geht’s also im überraschend hügeligen Flensburg – doch nach den Steigungen an den Ufer der Förde mit dem dänischen Nordufer lassen die vertikalen Herausforderungen im weiteren Verlauf des Ostseeküstenradwegs alsbald nach. Wer die über 1000 Kilometer gewissenhaft absolviert, kann sich danach als Bäderexperte aus eigener Anschauung profilieren: Welches Ostseebad ist denn nun das schönste im ganzen Land? Eckernförde, Laboe, Travemünde, Kühlungsborn, Prerow, Binz oder doch eines der Kaiserbäder auf Usedom?

Ostseeradweg bei Kappeln an der Schlei. (Olaf Krohn)

Unterwegs auf dieser Langstrecke „erfährt“ man sie alle mit der Zeit – aber mehr noch die maritimen Impressionen dazwischen: einsame Strände, hoch ragende Steilufer, stille Boddengewässer mit Schilf, der im Wind tanzt, Dünenstreifen mit den typischen Nadelwäldchen in Mecklenburg. Am Koppelstrom auf dem Darß, zwischen Born und Wieck, lässt sich der Seeadler bei seinen Flugübungen beobachten. Und es ist noch überall genug Hering da, auch für Menschen: Fischbrötchen in allen Variationen sind das kulinarische Leitmotiv des Ostseeküstenradwegs.

Ostseeradweg am Deich Graal-Müritz. (Olaf Krohn)

Während Mecklenburg-Vorpommern seiner Natur gemäß Radler vor allem auf seine Inseln und Halbinseln lockt – Poel, Fischland-Darß, Rügen, Usedom – , prägen in Schleswig-Holstein die tief ins Land ragenden Fjorde Schlei, Eckernförder Bucht und Kieler Förde den Routenverlauf. Wer mal ganz viel Ostseeküste auf einmal sehen will, darf am Marine-Ehrenmal in Laboe nicht einfach vorbei radeln, sondern muss der Aussichtsplattform einen Besuch abstatten. Hingegen empfiehlt es sich aus Komfort- und Sicherheitsgründen, den Exkurs über Schleswig-Holsteins einzige Ostseeinsel einzusparen, weil die zweimalige Befahrung der alternden Fehmarnsundbrücke auf einem viel zu schmalen Betriebsweg zwar erlaubt, aber äußerst ungemütlich ist.

Ostseeradweg in Darß auf der Seite des Bodden. (Olaf Krohn)


Nur Radler entdecken einsame Strände

Jenseits von Travemünde ändert sich zwar nicht das Meer, aber das Bundesland. Statt „echter Norden“ ab jetzt „MV tut gut“, soso. Man wechselt hier auch allmählich in den Einzugsbereich eines anderen Bieres: vom Flens zum Störtebeker, das in Srtralsund gebraut wird. Der Ostseeküstenradweg schlängelt sich in Mecklenburg-Vorpommern hinter den Dünen bald zwischen tausenden alten und neureichen Datschen hindurch – für den Seeblick heißt es jedoch meistens: absteigen und barfuß durch den feinen Dünensand stelzen. Badehose oder Bikini sollte man immer griffbereit haben, denn als Radler lernt man zwischen Flensburg und Ahlbeck einsame Strände en passant kennen. Selbst wenn alle Parkplätze an der Küste voll sind, findet man radelnd ohne umständliche Suche einen privaten Liegeplatz.

Kistenweise: Verschiedene Sorten Störtebeker und weiteren, nützlichen Strandbedarf. (Olaf Krohn)

Der Ostseeküstenradweg ist keine Städtetour, er führt an Schleswig und den großen Hansestädten Lübeck und Rostock vorbei. Die faszinierende Backsteingotik rund um die Ostsee lässt sich aber ohne Abstecher vom Weg in Wismar und Stralsund erleben, beide Städte UNESCO-Welterbe. Das etwas modernere architektonische Highlight hebt sich der Ostseeküstenradweg jedoch bis Usedom auf.

Die Zielgerade in den Kaiserbädern Heringsdorf und Ahlbeck flankieren grandiose Villen aus dem Kaiserreich. Der 1100 Kilometer lange Radweg endet unmittelbar an der polnischen Grenze, wo aus Ahlbeck Swinemünde (Świnoujście) wird. Es lohnt sich, über diese grüne Grenze hinweg zu radeln bis zur nahen Oder-Mündung. Sie haben Ihr Ziel erreicht!


Praktische Tipps

Wegbeschaffenheit

Die Fahrbahn ist wechselhaft: Komfortabler Asphalt wechselt mit uneben gepflasterten Passagen, viele Kilometer Sand- und Waldwege eignen sich kaum für schmale Reifen – und kurze Abschnitte mit felgenbedrohenden Absätzen zwischen verwitternden DDR-Spurplatten erweisen sich als Spaßkiller.

Bahn und Fahrrad

DB-Fernzüge mit Fahrradbeförderung fahren unter anderem direkt nach Kiel, Lübeck, Rostock, Warnemünde, Ribnitz-Damgarten West, Stralsund, Binz auf Rügen, Greifswald oder Züssow (Usedom). Mit dem Regionalverkehr gibt es zahlreiche weitere Verknüpfungspunkte, auch zu Start und Ziel in Flensburg oder Ahlbeck/Usedom.
Vielerorts kann man auch einzelne Teiletappen auf die Schiene verlagern, etwa von Wismar nach Rostock oder von Stralsund nach Greifswald.

Quartiere

Vorausschau empfiehlt sich auch bei der Quartierbuchung. Denn der Ostseeküstenradweg führt in erster Linie durch Ferienorte, die in der Hochsaison häufig ausgebucht sind. Weiterhelfen können hier die Plattform www.bettundbike.de des ADFC oder auch Spezialveranstalter für Fahrradreisen.


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