Kolumne

Die Finger des Teufels

Vor vielen Jahren habe ich für ein Schweizer Genussmagazin mal einen Selbstversuch mit einer mexikanischen Red Habanero gemacht, eine der schärfsten Chilisorten der Welt.
Die Finger des Teufels

Ich hätte keine ganze Schote probieren sollen – das weiß ich heute. Einen Red Habanero isst man nicht einfach mal so. Denn er beißt zurück und du denkst, du stirbst. So schmeckt das Feuer. 

Keine zehn Sekunden war dieser erste Bissen her, doch meine Zunge stand bereits in Flammen, der Gaumen loderte lichterloh. Der Chili rächte sich jetzt, er brannte mir Löcher in den Mund. Und nach einer weiteren Minute wurde er so richtig zornig, fraß sich weiter in den Rachen hinein und hinauf in die Nebenhöhlen, bis mir die Tränen in die Augen schossen und die Nase zu laufen begann. Dann gerieten die Lippen in Brand. Die Schleimhäute schwollen an. Ein leichter Druck auf den Ohren. Der Puls wurde schneller. Die Kopfhaut kribbelte. Der Habanero übernahm die Kontrolle. Ich prustete, schnappte nach Luft, gefolgt von einem Hustenanfall aller erster Güte. Die Wucht des Chilis war nun bis tief hinab in die Speiseröhre zu spüren. Überdosis!

Manch einer sagt, Chili zeige einem das Paradies, er öffne Türen zu neuen Geschmackswelten, er dynamisiert die Aromen. Das mag alles so stimmen, für nicht abgehärtete Gaumen aber sind die extrem scharfen Sorten die Finger des Teufels. Jede Schote ist ein kleiner Tod. Auch das Hirn wird weichgekocht, zumindest glaubt es das: Die Schärfe gaukelt ihm vor, dass der Körper gerade verbrennt. Also will es beim Löschen helfen und gibt Befehle wie Schwitzen!

Vor irgendwann mehr als 5000 Jahren muss irgendwo in Mittel- oder Südamerika das erste Mal ein Mensch einen Red Habanero in den Mund genommen haben. Und so viel ist klar: Er wird ähnlich empfunden haben wie wir heute. Auch er wird gedacht haben: „Dieses miese kleine Drecksding!“ Und auch unsere Vorfahren werden schnell bemerkt haben, dass diese etwas seltsam anmutende Pflanze, die getrocknet gerade mal so groß wie eine Kirsche ist, sich nicht mit den kleinen Dingen des Lebens zufriedengibt, sondern nur die ganz großen Gefühle auslöst: Schmerz, Lust, Glück, Genuss, Sucht. Der Chili ist wie klassische Oper: Hass‘ ihn oder iss ihn. 

Oliver Lück, 49, ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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