Kolumne

Der schöne Schleim

Mal ehrlich: Mögen Sie Schleim?
Der schöne Schleim

Mal ehrlich: Mögen Sie Schleim? Niemand mag Schleim! Die allermeisten Menschen finden ihn sogar ziemlich eklig. Denn auch Monster oder Aliens kommen ja eher selten ohne aus. Er ist zäh, klebt, wirft manchmal Blasen und hat es ganz eindeutig auf uns Menschen abgesehen. Und Quallen sind wahre Schleimspezialisten. Vor wenigen Tagen erst habe ich mit meinen Söhnen ein wunderschleimiges Exemplar an einem Strand der Ostsee entdeckt.

Quallen waren ja schon immer eine der größten Seltsamkeiten der Kindheit – ein im Wasser waberndes Wunderwesen aus Wackelpudding. Vor allem Feuerquallen eilte ein gewisser Ruf voraus. Sie waren schleimiger als Schnecken und giftiger als Schlangen. Sie standen auf einer Stufe mit Vogelspinnen oder Königskobras. Doch kein Tier war und ist so wabbelig und wandlungsfähig wie die Qualle. Ihre außergewöhnliche Anmut lässt uns staunen und fürchten zugleich. Im Wasser strahlt sie eine unendliche Harmonie aus und tanzt wie ein in Zeitlupe schwebender Vorhang sanft und blind vor sich hin, an Schönheit und Eleganz kaum zu überbieten. 

Gestrandet aber liegt sie hilflos auf dem Trockenen und sieht aus wie ein durchsichtiges, wässriges Häuflein, so kraftlos, so fehl am Platz und trotzdem so widerspenstig. In Kindheitstagen wurde mit einem Stock hineingestochen, um die gewaltige Geleehaftigkeit zu erproben. Und wer den Mut hatte, die außerirdische Masse mit der bloßen Fußsohle zu berühren oder sogar in die Hand zu nehmen, war das furchtloseste Kind am ganzen Strand. Meist sammelten meine Brüder und ich die angespülten, toten Glibberlinge in Eimern und zermanschten sie mit Schaufeln – was für ein Schleim!

Auch fangfrisch zubereitet mögen sich viele den glibbrigen Happen nicht so recht als etwas Genießbares vorstellen. Zu unbekannt scheinen uns diese Tiere, die auch in Nord- und Ostsee immer häufiger in Massen auftauchen. In monströsen, schlabberigen, teils giftigen Schwärmen sind sie die Schreckgespenster aller Badeurlauber. Und mit der Erwärmung der Weltmeere werden wir in Zukunft immer mehr davon haben. Die Frage sollte an dieser Stelle also erlaubt sein: Warum isst man das Problem nicht einfach auf? Quallen sind ja nicht viel mehr als Wasser (98 Prozent). Eigentlich schmecken sie nach nichts. Mariniert mit Sesamöl und gewürzt mit Chili und Koriander könnten sie zu einem saftigen Proteinsalat werden – nicht Fisch, nicht Fleisch. Und vor 20 Jahren noch hatte schließlich auch keiner daran geglaubt, dass es heute an jeder Ecke rohen Fisch geben würde.

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