Kolumne

Der Lautsprecher

Neulich im Zug von Bremen nach Hamburg: Am liebsten würde man brüllen: Ruhe jetzt!!!
Der Lautsprecher

Neulich im Zug von Bremen nach Hamburg: Am liebsten würde man brüllen: Ruhe jetzt!!! Denn trotz der Maske ist er unüberhörbar gut zu verstehen. Was kaum verwundert, spricht er ja mit sehr lauter, selbstzufriedener Stimme in sein Smartphone, so dass allen Mitreisenden nicht wirklich eine Wahl bleibt – wir müssen mithören. Doch die Blicke verraten, was die meisten gerade denken: Warum quält er uns so mit seinem Handygequatsche? Schade, dass man die Ohren – wie die Augen ja auch – nicht einfach zumachen kann. Aber mal ganz unter uns: Ich finde es ja großartig, fremde Menschen zu belauschen, erst recht, wenn sie sich so hemmungslos offenbaren wie dieser Mann. Ein Lautsprecher, ein Wichtigtuer, Sie kennen ihn alle, den Typen, der im Abteil gerne mal beruflich telefoniert. Es gibt ihn in jedem deutschen Zug. 

Natürlich sagt er „Office“ statt Büro und mehrmals in einem Telefonat „Meeting“ statt Besprechung. Vermutlich ist er der „Chief Executive Officer“ des Unternehmens, mindestens aber der „Senior Vice President“, eine echte Büromaschine also. Mit allen Wassern gewaschen. Ein Experte für alles. Und natürlich hat er auch die sämtliche Palette der lächerlichsten Floskeln aus der Arbeitswelt im Repertoire, Sätze, die man im normalen Leben niemals brauchen würde: „Frau Müller, ich habe da mal einen Anschlag auf Sie vor …“ Und natürlich schickt er jetzt, kaum hat er den Anschlag verübt, auch noch ein gekünsteltes Lachen hinterher, das signalisieren soll, ja, von Spaß da verstehe ich etwas. Und vor allem soll es eine gewisse Lockerheit andeuten, hinter der sich, wer weiß, wer weiß, nach Feierabend vielleicht noch ganz andere Verrücktheiten offenbaren.

Mit Männern wählt er dagegen einen anderen Ton, weniger scherzend, stattdessen beflissen, knapp und kompetent: „Herr Meyer, ich habe gesehen, dass Sie gemailt haben“, lautet hier eine der typischen Eröffnungsformeln. Ganze Telefonate bestehen aus nichts anderem als Beteuerungen, dass er alles, wirklich alles im Griff habe. „Ich habe das gestern nochmals angesprochen, und jetzt sind alle im Boot.“ Oder: „Und ich habe dann gesagt, so wird das nichts, Freunde, wir müssen uns noch einmal zusammensetzen.“ Niemals hört man von ihm eine Frage, lieber inszeniert er sich als Mann der Antwort.

Aus dem Anschlusstelefonat, in dem er seiner Mutter mitteilt, dass er im Zug sitze, nicht wisse, ob die Verbindung halten werde, ständig diese Tunnel und überhaupt „DIE DEUTSCHE BAHN!“ (was übrigens das Lieblingsthema aller im Zug Telefonierenden ist), und er sich dann auch noch darüber beklagt, dass man jetzt schon sechs Minuten Verspätung habe, erfährt das Abteil dann auch endlich, wie er heißt. Extrem guter Name übrigens – reimt sich auf Würgen.

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