Kolumne

Der Duft der Kindheit

Ich wette, Sie riechen ihn auch schon, diesen wohlig süßlichen und allseits bekannten Duft der Kindheit.
Der Duft der Kindheit

Dieses exotische Gewürz, dass nach der heilen und unbeschwerten Welt von damals schmeckt und riecht. Denn mit Vanille ist es in etwa so wie mit dem Mond oder mit Yoda, dem kleinsten und spitzohrigsten aller Jedi-Retter. Jeder kennt sie. Und jeder mag sie. Doch warum ist das so? Warum wollen alle Vanille? Und erst recht jetzt, kurz vor Weihnachten?

Ein Blick zurück kann vieles erklären: Wir haben Vanille gelernt. Es gibt keine Kindheit ohne.  Mamas Pudding.  Omas Plätzchen. Das Eis vom Italiener um die Ecke. Denn unvermeidlich verbinden wir Düfte mit Erinnerungen. Wir sind berührt, wenn wir einen bestimmten Geruch oder Geschmack wahrnehmen. Der Verstand spielt nun keine Rolle mehr. Und Vanille ist eines der beliebtesten Aromen überhaupt. Sie taucht auf und plötzlich ist man wieder acht Jahre alt.

Inzwischen gibt es Winzer, die Vanillesirup in ihren Wein kippen. Menschen können ihren morgendlichen Kaffee nicht mehr trinken, ohne nicht vorher einen Schuss Vanillearoma hineingerührt zu haben. Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft heißt sehr treffend ein Theaterstück. Denn die Vanillisierung des Geschmacks industriell gefertigter Lebensmittel ist in vollem Gange. Bereits Säuglinge bekommen mit Vanillin angereicherte Nahrung und brauchen dann im Erwachsenenalter höhere Dosierungen. Die Lebensmittelindustrie versprüht beruhigenden Optimismus und lullt uns ein mit ihrem kostengünstig synthetisierten Muttermilcharoma.

Damit Babys zunächst die Tütenmilch und später auch den Brei mögen, mischen Nahrungshersteller fruchtige und vanilleähnliche Aromen und Extrakte in ihre Produkte. So sind viele auf Vanille getrimmt worden. Man spricht gar von der Vanille-Generation. Und die kauft Produkte, die das an Sommer erinnernde Aroma enthalten – auch für den Nachwuchs. „Kinder lehnen später alles ab, was nicht immer gleich und nach Vanille schmeckt“, so der Ernährungswissenschaftler Guido Ritter von der Fachhochschule Münster. So zieht man sich die Kunden der Zukunft heran. Eine lebenslange Erinnerung an Geborgenheit und Glück wird einem da in die Wiege gelegt. 

Auf den Hamburger Isemarkt: Der Mann der ausschließlich hochwertige Vanilleschoten verkauft, hat neue Kunden bekommen. Eine Mutter steht mit ihrem vielleicht sieben Jahre alten Sohn vor dem kleinen Stand. Sie betrachten die Schoten. Sie schnuppern. Der Junge sagt: „Das riecht aber gut. So etwas habe ich ja noch nie gesehen.“ Die Mutter sagt: „Das ist Vanille.“ Der Junge überlegt. Lange. Dann schaut er seine Mama an und fragt: „Und warum ist die dann nicht gelb wie der Pudding bei uns zuhause?“ Jetzt überlegt die Mutter und zieht etwas ratlos die Augenbrauen hoch. Eine treffende Antwort hat sie dann aber dennoch parat: „Weil das hier die echte Vanille ist.“

Oliver Lück ist Buchautor und Jourmalist. Jede Woche erzählt er in dieser Kolumne von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Und er mag Vanille. Lueckundlocke.de 

Weiterlesen