Kolumne

Der Akrobat der Lachse

Eigentlich wollte ich nur Müsli kaufen. Aber das ist ja heutzutage gar nicht mehr so einfach.
Der Akrobat der Lachse

Man bekommt ja auch immer gleich eine Geschichte dazu. Ob man will oder nicht. Denn sonst wäre es ja bloß Müsli. Und zwar nicht nur irgendeine Geschichte, sondern eine richtig, richtig, aber mal so richtig gute, eine, die sich gewaschen hat, um in der Sprache der Werbemenschen zu bleiben. 

Also, bitte festhalten, nein, besser hinsetzen, denn – und jetzt geht’s los – „die Erfolgsgeschichte der Müllerfamilie Jordan führt bis ins Jahr 1855 zurück. Auf dem Höhepunkt der Flowerpower- und Hippie-Ära bricht Bill Jordan vorerst mit der Familientradition und geht mit seiner Rock-Band auf Amerika-Tournee. In Kalifornien entdeckt der passionierte Müller das Granolarezept. Es ist Liebe auf den ersten Biss. Und so startet Bill Jordan die Granola-Revolution in Europa!“ So las ich es auf der Verpackung, die natürlich nicht bloß eine Verpackung, sondern an sich schon ein Kunstwerk war. Flowerpower, Rock, Liebe, Müsli – wie geil ist das denn! Dachte ich. Das muss ja einfach schmecken. Dachte ich. Also habe ich natürlich sofort tausend Päckchen gekauft. Mindestens. Und Bill hat ja auch noch einen Bruder (David), der vermutlich Astronaut ist und zehn Minuten tauchen kann, ohne Luft holen zu müssen. Storytelling auf allerhöchstem Niveau eben. Mit voll vielen Emotionen! Mindestens.

Aber Moment mal, es geht noch besser – mit Lachs. So stand es auch kürzlich auf einer Verpackung: „Dichte Wälder säumen das Ufer des mächtigen Yukon Rivers, die tiefgrünen Felsengebirgs- und kanadischen Hemlocktannen wiegen sich im Wind, während leichte Wogen über das Wasser treiben.“ Der Geist der Marke sollte durch diese eher verschwurbelten Sätze natürlich zum Ausdruck gebracht werden, der Verbraucher sollte spielerisch zur Interaktion mit dem Produkt – dem Lachs! – aufgefordert werden, würden Marketingfachleute nun singen. Und das war noch nicht das Ende: „Dem reinen, kalten Wasser des Nordpazifiks durch die eisigen Gefilde Alaskas folgend, überwindet unser Wild & Silver, der ,Akrobat der Lachse‘, selbst schwierigste Hindernisse auf dem Weg zu seinem Laichplatz.“ Um dann getötet zu werden und auf unseren Tellern in Hamburg zu landen, möchte man den Wortakrobaten zurufen, die sich dieses Bild der heilen Welt der Lachse rausgequetscht haben. Die Frage, die sich angesichts der romantischen Landschaftsbeschreibungen nämlich vor allem stellt: Wie verreist man denn nun mit einem toten Lachs?

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