Kolumne

Dem Senf mehr Sinn geben

Es sind sehr kleine Kugeln mit sehr großer Wirkung
Dem Senf mehr Sinn geben

Und eigentlich sind Senfkörner ja ganz furchtbare Dinger. Die sind so klein, dass sie sich überall hin verirren. Sie kullern in jede Ritze, mogeln sich in die Falten der Kleidung und rollen in die hintersten Ecken. Senfkörner sind unmöglich! Die haben die lästige Eigenschaft, sich im gesamten Raum zu verteilen. Am Abend finde ich sie überall. Es gibt Tage, da nehme ich die anhänglichen Kügelchen sogar mit ins Bett.

Schon als Kind habe ich mich zuhause immer darum gerissen, die Salatsauce anrühren zu dürfen, weil immer auch etwas Senf hineingehörte und ich heimlich naschen konnte. Ja, ich muss es wohl so sagen: Ich liebe Senf. Damals wie heute habe ich ihn löffelweise gegessen. Mayonnaise habe ich nie angerührt. Dabei ist ein klassischer Senf ja eher einfach: Senfkörner, Essig, Wasser, Salz, Zucker und Gewürze, vielleicht ein paar Kräuter – fertig. Das kann jeder selber machen, die Dosierung, die Zusammenstellung und die Qualität der Rohstoffe ist das eigentlich Interessante. 

Die gelbe Saat gibt die Würze, schmeckt nussig und nach Gewürzgurke. Braune und schwarze Körner bringen die Schärfe, die Gaumen und Rachen streift, schnell in die Nase steigt, ein herzhaftes Prickeln auslöst und plötzlich verebbt – so etwas kann sonst nur Meerrettich. Wussten Sie, dass Senf das älteste Gewürz der Welt ist?

Bis vor wenigen Jahren aber hatte Senf noch ein Image, das nicht über Imbissbude und Fußballstadion hinauskam. Mit ihm wurde alles zugekleckst: die Bulette, die Wurst, der Bahnhofsboden. Die gelbe Schmierpaste war schon immer ein Freund des kleinen Mannes. Und als Feind der kulinarischen Kultur, der den Eigengeschmack anderer Speisen zerstört und den Einheitsgeschmack bevorzugt, galt der Senf auch. 

„Feigensenf ist das Chutney der Nullerjahre“, schrieb einmal die taz, was gar nicht nett gemeint war. Und auch heute noch ruft der säuerliche, von billigem Tafelessig dominierte, stechende Senfgeruch unschöne Bilder hervor: Graue Wurstpappe in der Hand. Hastiges Schlingen von fetttriefender Bratwurst. Gelbverschmierte Mundwinkel. Deshalb jetzt mal bitte weg vom Wurstbudenimage! Und ja, ich finde auch, wir sollten versuchen, dem Senf endlich mal wieder mehr Sinn zu geben. Den Senf salonfähig zu machen, sozusagen. Jeder will doch heutzutage seinen Senf zu allem irgendwie dazu geben. Also: Nach uns die Senfflut! Jetzt …

Oliver Lück, 49, ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von Begegnungen und Beobachtungen. www.lueckundlocke.de

Weiterlesen