Kolumne

Das Sommerloch

Die Straße, in der ich meine Kindheit verbrachte, hat sich verändert.
Das Sommerloch

Früher konnte man in dieser kleinen Sackgasse noch stundenlang Fußball spielen, ohne von Autos gestört zu werden. Heute geht das nicht mehr, es ist zu gefährlich geworden. Früher standen hier in Sichtweite nicht mehr als eine Handvoll Straßenschilder. Heute sind es 18. Eigentlich sieht man die Straße vor lauter Schildern nicht mehr. Ein Schilderwald. Die SchildbürgerInnen lassen grüßen.

Nun aber ist etwas passiert in unserer Straße: Niemand hätte so etwas für möglich gehalten.  Niemand wäre im Leben darauf gekommen, das so etwas in unserer Straße jemals hätte geschehen können. Unglaublich, denn da ist jetzt dieses Loch – dreifaches Ausrufezeichen, Hashtag Sommerloch, völlig überraschter, fast schon entsetzter Emoji. 30 Zentimeter breit und genauso tief. Plötzlich war es da. Der Asphalt hatte sich gesenkt, immer ein Stückchen weiter. Ich hatte dabei zusehen können. Eben war noch alles in Ordnung gewesen. Dann aber mussten sechs weitere Schilder und Absperrungen um das Loch herum aufgestellt werden. Damit keiner stürzt oder gar hineinfällt. Oder noch schlimmer: Autos hineinfahren und steckenbleiben oder sogar für immer verschwinden. Also wurden auch noch fünf dieser blinkenden Baustellenlampen aufgehängt, damit es auch wirklich niemand übersieht, das Loch.

Wie Sie vielleicht merken, hatte ich diese Woche nicht wirklich eine Idee für diese Kolumne. So ist das manchmal, vor allem im Sommer, wenn alles etwas gemächlicher abläuft, wo man ja eigentlich im Urlaub sein sollte, und nicht am Schreibtisch, um für den Bucht-Boten eine Geschichte zu schreiben. Und natürlich frage ich mich auch, ob das Loch in der Straße vielleicht sogar als Metapher verstanden werden sollte, als Symbol auf meinem ach so löchrigen Lebensweg.

Googeln Sie mal „Das Loch in der Straße“, dann wissen Sie, wie ich das meine. Einer der Einträge, interessanterweise auf der Webseite krankenhausberater.de, was kein Zufall sein kann, erzählt von einem Gedicht aus dem tibetanischen Totenbuch, was auch kein Zufall sein kann, handelt es sich doch um ein wirklich sehr gefährliches Loch in unserer Straße. Von „Einsicht“ und „Lernprozessen im Leben“ ist dort die Rede. Und von „Verstand“ und „Impulsen, um der eigenen Betriebsblindheit zu entkommen“. Ob das auch die BauarbeiterInnen wissen, die die Absperrung vor bereits zwei Wochen aufgestellt haben?

Oliver Lück ist Buchautor und Journalist. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. www.lueckundlocke.de

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