Kolumne

Das ist doch noch gut

Alles fing an mit einer Dose Labskaus aus dem Vorratskeller meiner Eltern.
Das ist doch noch gut

Alles fing an mit einer Dose Labskaus aus dem Vorratskeller meiner Eltern. Eine beachtliche Staubschicht hatte sich auf die Konserve gelegt. Doch die schwarzen Zahlen waren noch gut zu lesen: Das Mindesthaltbarkeitsdatum – wer hat sich dieses Wort ausgedacht!? – war abgelaufen, als es im Fernsehen noch drei Programme und Sendeschluss gab.

Das Labskaus hatte schon sehr lange im Regal gestanden. Fast 40 Jahre. Daneben entdeckte ich andere, uralte Lebensmittel mit wunderlichen Etiketten. Gelbe Dosen, rote Dosen, grüne Dosen, blaue Dosen.
Dazu: Konservenwurst. Und: Selbstgekochte Marmeladen – eine Million Gläser mindestens! Aufrecht, liegend, gestapelt, gereiht, wie die Bauklötze einer Spielstadt. Die Architektur eines Wohlstandsgefühls: Egal, was auch passieren wird, ich werde nicht verhungern.

Eine gut gefüllte Speisekammer scheint in dieser Zeit ja wichtiger denn je zu sein. Und im Keller meiner Eltern finden sich auch heute noch die üblichen Verdächtigen, die jeder kennt, der große Mengen auf Vorrat einkauft: Schalotten im Glas. Erbsen mit Möhrchen aus einer Zeit, als Angela Merkel noch keine Kanzlerin war. Linsen mit Suppengrün, mindestens haltbar bis Oktober 1987. Oder 1,5 Liter Glühwein aus dem Tetra Pak – „würzig, aromatisch, trinkfertig.“ Zehn Dosen Sardinen gibt es auch. Mit goldenen Ranken und vollmundigen Frauengesichtern erzählen sie von Zeiten, als portugiesische Fischkonserven als Delikatesse nach Frankreich, Großbritannien und auch nach Deutschland exportiert wurden. Oder erinnern Sie sich noch an den Mais, der zu Radetzky marschierte? „Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose.“ Und dann natürlich der Klassiker, der in jeden aufgeräumten Vorratsraum gehört(e): die leicht gezuckerten Ananas-Scheiben in der Dose. Sie belagern bis heute – haltbar bis 31.12.1992 – einen Großteil der Regale des elterlichen Kellers, da es bei uns Zuhause am Wochenende immer Toast Hawaii gab. Dazu wurde Einer wird gewinnen mit Hans Joachim Kulenkampff oder Wetten dass..? geguckt. Ich wette, Sie wissen, was ich meine.

Die Antwort meiner Mutter, ob dies oder das vielleicht doch seinen geschmacklichen Zenit überschritten haben könnte, ist bis heute übrigens stets gleichgeblieben: „Das ist doch noch gut.“ Und immer gibt es nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob sie damit richtig liegt. Um es kurz zu machen: Die Ananas von 1992, die Linsen aus dem Jahr 1987, das Labskaus von 1983 waren alle noch einwandfrei. Nur den Glühwein, abgefüllt am 12.12.2001 um 13:04 Uhr, habe ich noch nicht geöffnet. Damit warte ich noch ein paar Jahre, bis es mal wieder so richtig kalt wird.

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