Von Bucht zu Bucht

Bewegungslos

Der organisierte Breitensport ist stillgelegt, den Vereinen laufen die Mitglieder davon.
Bewegungslos

Keine Turnhalle, kein Fußballplatz und kein Schwimmbad wird in Schleswig-Holstein 2020 noch öffnen. Der organisierte Breitensport ist stillgelegt, den Vereinen laufen die Mitglieder davon. Immerhin gibt es jetzt Fitness-Angebote als Zoom-Konferenz.


Die Corona-Plauzen wachsen zwischen Fehmarn und Föhr. Hunderttausende Schleswig-Holsteiner dürfen seit Anfang November ihren Lieblingssport nicht mehr ausüben. Unterhalb des Profisports ist das Vereinsleben auf Amateurebene quasi stillgelegt: Schwimmerinnen sitzen auf dem Trockenen, Fußballer und Handballer machen die zweite beschädigte Saison durch. Die schleswig-holsteinische Fußballverband hatte schon früh alle Punktspiele bis Silvester abgesagt – und alle Hallenturniere gleich für den ganzen Winter.

Eine schlimme Durststrecke für das körperliche und seelische Wohlbefinden – und eine zunehmend existenzielle Krise für die 2600 Sportvereine zwischen Nord- und Ostsee:

Im Januar hatten wir 7.100 Mitglieder, jetzt zum Jahresende werden es tausend weniger sein

sagt Christof Rapelius, Vorsitzender des Kieler MTV. „Die Zuverlässigkeit des Sportvereins ist nicht mehr da.“

Auch der VfL Pinneberg wird in diesem Jahr weit unter die 5000-Mitglieder-Schallmauer gefallen sein, über der er vor der Corona-Krise lag. „Wir sind seit März in einem permanenten Krisenmodus. Diese Situation zehrt an den Nerven“, sagt Geschäftsführer Uwe Hönke. Der Pinneberger Großverein ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem mittelständischen Unternehmen gewachsen, mit 2,5 Millionen Euro Jahresumsatz, 30 Festangestellten und noch einmal so vielen Mini-Jobbern. „Jetzt sind natürlich alle in Kurzarbeit, aber unsere Minijobber können wir so nicht auffangen.“

„Sport ist systemrelevant.“ – Uwe Hönke, Geschäftsführer VfL Pinneberg (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Um rund 20 Prozent wird das Beitragsaufkommen des VfL in diesem Jahr einbrechen, fürchtet der Geschäftsführer. „Wir haben praktische keine Neueintritte, und unsere Kündigungen kommen vor allem aus dem hochpreisigen Bereich, also etwa auf unserem Fitnessstudio.“ Das habe zur Folge, dass die Quersubventionierung aus diesem Bereich, die in normalen Zeiten dem Kinder- und Jugendsport zugutekommt, plötzlich nicht mehr funktioniert. „Ohne eine zweite Soforthilfe des Landes werden wir nicht über die Runden kommen“, sagt Hönke, und hofft, dass diese neuerliche Hilfe zum Überleben Anfang Dezember ausgezahlt wird. „Sport ist nämlich systemrelevant.“


„Die Saison ist komplett verkorkst“

Verboten bleibt er in Schleswig-Holstein aber – mit einigen Ausnahmen trotzdem. So hatten die Volleyballer Ende Oktober gerade einmal drei Saisonspieltage absolviert, als sie wieder stillgelegt wurden. „Diese Saison ist komplett verkorkst“, sagt Sarah Strege, Geschäftsführerin des SHVV (Schleswig-Holsteinischer Volleyball-Verband). Keiner weiß, wann die Saison 20/21 weitergehen kann. „Vielleicht kriegen wir eine Halbserie hin“, so Streges leise Hoffnung.

Sarah Strege, Geschäftsführerin des SHVV (Olaf Krohn / Der BUCHT-BOTE)

Dem relativ kleinen Fachverband steht das Wasser allmählich bis zum Hals. Denn er muss jetzt auch befürchten, dass Teams angesichts der gestoppten Saison ihre Meldegelder nicht zahlen. „Das fehlte uns gerade noch, nachdem uns im Sommer schon alle Einnahmen aus unserer abgesagten Beachvolleyball-Tour fehlten“, sagt Strege. Zum Jahresende könnten 50.000 Euro in der Kasse fehlen – über 15 Prozent vom Gesamtetat. Auch der SHVV ist jetzt auf Soforthilfe vom Land angewiesen.

Erlaubt ist während des Teil-Lockdowns in Schleswig-Holstein eigentlich nur Individualsport draußen, medizinisch verordneter Reha-Sport, Tennis-Einzel (aber kein Doppel) in der Halle, Training und Wettkämpfe von Profimannschaften und Kaderathleten – und das, was sich die Vereine in ihrer Not jetzt einfallen lassen. So hat der VfL Pinneberg einen Youtube-Kanal eingerichtet und bietet auch im Videokonferenz-Format ZOOM Fitnesstraining für zuhause an. Ähnliches tut jetzt auch der Möllner SV, wie dessen Geschäftsführer Dennis Bluhm dem NDR sagte: „So haben unsere Mitglieder weiter Zugriff auf unsere Sportangebote. Für ältere Mitglieder, falls sie digital nicht bewandert sind, haben unsere Trainer extra Trainingspläne entwickelt und dann per Post verschickt.“

„Beim Sport gelernt“ – eine Aktion vom Landessportverband Schleswig-Holstein.

Ob das reicht, um gegen die Corona-Plauzen vorzugehen? Es ist wohl eher der verzweifelte Versuch der Vereine, in der Pandemie Kontakt zu ihren Mitgliedern halten. Damit diese angesichts all der Bewegungslosigkeit nicht die Lust am Sport und an ihrer Mitgliedschaft verlieren. Thomas Niggemann vom Landessportbund in Kiel appelliert an alle organisierten Sportler im Land: „Bleibt eurem Verein treu!“

Artikelbild: © imago images / Westend61

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