Kolumne

Arne ist Arne

Morgen werde ich nach Schweden fahren und einen beeindruckenden Mann treffen, über den ich an dieser Stelle schon geschrieben habe.
Arne ist Arne

Kaum sieben Stunden sind es von Hamburg. Arne ist noch nie bei Ikea gewesen. Noch nie ist er geflogen. Er hat auch nie Stockholm besucht. Einmal Göteborg. Einmal Kopenhagen. Da ist alles. Er ist 1955 geboren. Auf Ungskär, einer entlegenen Insel zwischen Schärengarten und offener See. Vier Menschen leben dort. Und Arne.

Seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Schon sein Ururgroßvater war Fischer auf der Insel. Arne wird der Letzte sein. Er hat keine Kinder. Er hatte nie eine Frau. Verwandte hat er auch keine mehr. Seine Eltern sind tot. Seine jüngere Schwester Britt-Marie starb mit 16 an Krebs. Da ist niemand mehr außer Arne. Doch wer alleine ist, muss nicht einsam sein. Da gibt es Unterschiede. Wer Arnes Geschichte kennt, könnte sich schnell ausmalen, wie furchtbar einsam das Leben auf einer entlegenen Insel sein kann. Doch Arne sagt: „Langweilig wird mir hier nicht. Langeweile ist ein Luxusproblem.“ Andere sagen über Arne: „Diese Schäre ist sein größter Schatz.“

Wer nach Ungskär kommt, wird an Arne nicht vorbeikommen. Das mag vor allem an seiner Statur liegen. Einsneunzig ist er. Seine Gummistiefel haben Größe 47. Und wenn Arne in seinem Fischerboot steht, wirkt es sehr klein, weil er so ein stämmiger Kerl ist.  Alles ist gewaltig an diesem Mann. Seine Hände, sein Bauch, seine Zufriedenheit, der Appetit, die buschigen Augenbrauen, der lange, wild und in alle Richtungen wachsende Vollbart, der mal pechschwarz gewesen und bald vollständig ergraut ist. Arne muss schon bärtig auf die Welt gekommen sein. Er sieht aus wie Bud Spencer, von dem er noch nie gehört hat.

45 Minuten braucht das weißblaue Fährschiff vom Festland durch den steinernen Irrgarten aus Inseln und Halbinseln. Es ist eine kurze Reise, die einen weit wegbringt. Es gibt tausende Schären an der zerklüfteten Südküste. Die Wenigsten sind bewohnt, manche nicht größer als Verkehrsinseln. Und alle Wege enden am Wasser. Ein guter Ort für einen Urlaub. Aber das Leben dort kann mächtig hart sein. „Morgen“, sagt Arne, „werden wir auf unserer Insel vielleicht noch vier sein. Nächstes Jahr zwei. Die Perspektive ist schlecht. Es gibt keine Arbeit. Es gibt nur Zeit. Das, was sich viele wünschen, aber nicht bekommen, weil Zeit ja Geld ist. Andere haben Geld und keine Zeit. Wir haben Zeit und kaum Geld. Das ist der Unterschied.“

Oliver Lück ist Buchautor und Journalist. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Am 28. Juli (19:15 Uhr) lädt er in die Globetrotter-Filiale am Gänsemarkt zu einem spannenden Campingbus-Workshop ein. Für alle, die im Bulli oder Wohnmobil unterwegs sind. www.lueckundlocke.de

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