Kolumne

Anders‘ Reisen

Heute möchte ich von einem Mann erzählen, den ich vor Jahren mal kennengelernt habe und der ein ungewöhnliches Hobby hat: Anders lebt in Wilhelmsburg, ist gebürtiger Däne und trampt jedes Jahr viele tausend Kilometer durch Europa.
Anders‘ Reisen

Der 40-Jährige besucht Musikfestivals und finanziert sich die Tickets mit dem, was andere wegschmeißen: Er sammelt Pfandgut. In diesem Sommer will er rund 12.000 Kilometer vom Polarmeer bis nach Spanien zurücklegen.

Ab Ende Juni wird Anders mehr als drei Monate unterwegs sein. Fast 12.000 Kilometer durch Dänemark, Norwegen, Schweden, Deutschland, Frankreich und Spanien. Elf Festivals hat er sich für diese Zeit ausgesucht. Seit 2006 macht er das so. Nur Corona kam ihm die letzten beiden Jahre dazwischen. Ein kleiner Rucksack für seine Klamotten, Zelt und Schlafsack, dazu sein Tagebuch, in das er hunderte Events und Adressen eingetragen hat. Das ist alles, was Anders dabei hat. 

Er sagt: „Ich bin Anders, das muss reichen – einfach Anders.“ Das Klingeln seines Mobiltelefons passt zu ihm: Metallica – Nothing Else Matters. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit James Hetfield, dem Sänger. Anders sieht aus, wie man sich einen freundlichen Wikinger vorstellt. Blonde Haare, blaue Augen, Bart. Groß und kräftig, dazu einen gemütlichen Bauch. 

Meist sehen seine Touren wie die Drehbücher eines wirren Roadmovies aus. „Oft muss ich spontan entscheiden, wo es als nächstes hingeht, welches Open Air zu erreichen ist.“ Dieses Jahr wird bei seinem Heimat-Open-Air im dänischen Roskilde starten – eines der größten europäischen Festivals, rund 40 Kilometer westlich der dänischen Hauptstadt. Dort hat er viele Freunde, seine Eltern leben ganz in der Nähe. 

Um sich das Ticket für das nächste Open Air zu verdienen, sammelt er am letzten Festivaltag immer Dosen und Flaschen. „Es ist ganz einfach“, sagt Anders, „je mehr Menschen, desto mehr Pfand.“ In Roskilde hat er an einem Tag mal 250 Euro kassiert. Eine Dose bringt dort eine Krone. Sieben Kronen sind ein Euro. 

Und wenn Anders erzählt, wie er einmal sechs Stunden in einem Kofferraum mitfuhr, weil vorne kein Platz mehr war, dass er ständig Menschen kennen lernt, die ihn nicht nur mitnehmen, sondern auch auf dem Sofa schlafen lassen und das Abendessen und das Frühstück teilen, klingt das völlig normal, wie Dinge, die jeden Tag passieren. „Diese Hilfsbereitschaft ist aber etwas Besonderes“, betont er, „ohne diese Hilfe würde ich meine beiden Hobbys, Musik und Reisen, nicht verbinden können.“ Anders reisen wie Anders. Gute Idee! Und gute Reise!

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