Kolumne

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Maschinen können Menschen zu Tieren machen.
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Das weiß ja jeder. Stichwort: Der Drucker druckt nicht. Oder: Eine Münze hat sich in den Tiefen des Zigarettenautomatens verklemmt. So eine Scheißdreckskiste! Und natürlich auch: Warteschleifen bei Versicherungen und Service-Hotlines beim Baumarkt. Ich persönlich liebe es, meine Bank anzurufen, um Überweisungen oder Sonstiges erledigen zu lassen. Meist telefoniere ich dort mit einer weiblichen Computerstimme. Aber zunächst heißt es: warten. „Wir sind gleich für Sie da. Aktuell beträgt die Wartezeit mehr als 30 Minuten.“ 

Das Warten ist zu einer aussterbenden Kunst geworden. Wer wartet, hat Hoffnung. Gleich bin ich dran. Ganz bestimmt. Nur noch 15 Minuten. Und dann fliegt man aus der Leitung und muss erneut anrufen. Oder man versucht, das Warten zu umgehen, da man es als belastend empfindet. Wartezeit ist schmerzhaft. Wo es geht, möchten wir sie verringern oder besser noch in Arbeitszeit umwandeln. Schnell noch ein Blick aufs smarte Phone. Im Zug. Bevor der Zahnarzt den Bohrer ansetzt. Im Krankenhaus. Im Schnelltestzentrum. Flugs noch was regeln, besprechen und erledigen. Wartezimmer sind keine Wartezimmer mehr, sie werden nicht mehr zum Warten genutzt.

Und dann ist man endlich an der Reihe und soll den Verwendungszweck für die Überweisung nennen. Der Computer aber versteht einen nicht. Man spricht nicht dieselbe Sprache. „Liebe Grüße“ werden zu „Nebenkosten“. „Küsse aus dem Norden“ werden zu „Miete August“. „Vielen Dank“ verwandelt sich zu „82“. 82? „Schöne Ferien“ interpretiert die Maschine als „Einkommensteuer“. Ist das richtig? Nein, nein und nochmals nein!!! Das ist dämlich.

Und wenn Maschinen nicht das machen, was sie sollen, geht es ans Eingemachte. Man bekommt einen kostenlosen Tiefblick in die eigene Psyche. Hinter der allzu großen Wut verbirgt sich das Gefühl von Ohnmacht. Man würde gerne einen Schuldigen haben und anschreien. Das weiß jeder, der mal von einem GPS-Gerät in die Irre geführt wurde. Maschinen können Menschen zu Tieren machen. Sie haben ihr Ziel erreicht.

Oliver Lück ist Buchautor und Journalist. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Am 28. Juli (19:15 Uhr) lädt er in die Globetrotter-Filiale am Gänsemarkt zu einem spannenden Campingbus-Workshop ein. Für alle, die im Bulli oder Wohnmobil unterwegs sind. www.lueckundlocke.de

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